Die Tage nach dem Sommer

Es ist wie jedes Jahr, wenn die Stadt sich wieder mit ihren Bewohnern füllt, wenn die Parkplätze voll und die Parkbänke leer sind. Berlin kehrt zum Leben zurück und fast scheint es wie eine Neugeburt an der man aber nicht teil hat, weil man doch selbst die Schwangerschaft nicht hatte, sondern hier blieb, das Leben weiter lebte und die Ruhe des Sommers genoss. 

Dass der Sommer in Berlin vorbei ist, merkt man nicht am Wetter. Denn dieses ist in diesem Jahr zum Verlieben. Ja, ich liebe Hitze, ja, ich liebe die Sonne, die Wärme und das Leben auf der Straße. Ja, ich bin nicht für das Wetter in Berlin gemacht. Dass der Sommer vorbei ist, merkt man nicht nur an den volleren Bussen, an den verstopften Straßen. Man merkt es daran, dass das Telefon fast nicht still steht, dass alle Firmen plötzlich ihre Aufträge erfüllen wollen oder selbige erteilen. Man merkt es daran, dass in Berlin Ausstellungen fast im täglichen Rhythmus eröffnet werden, Vorträge gehalten und Konferenzen angekündigt werden. Ganz so, dass man das jetzt noch schnell alles machen muss, mit dieses grauschlammigdunkle Ungetüm Winter über die Stadt hereinbricht, oder trotzdem oder überhaupt. Hauptsache alles noch schnell gemacht, das Tageslicht einfangen, alle auf einmal. Alle gleich. Alle sofort. Und alle "ich weiß, dass es kurzfristig ist, aber". 

Die, die den Sommer hier verbrachten haben diese Energie, diesen Hunger womöglich nicht. Sie sind noch im langsamen gemütlichen Rhythmus der Stadt, die sie vielleicht gerade dann lieben, wenn sie nicht als Schlagzeile HIP trägt, wenn sie sich selbst zu entspannen scheint. Es wird geschoben und gedrückt. Am Tempo muss doch was zu machen sein - und es wird gemacht. So, dass der Punkt erreicht ist, dass sich alle Zurückgekommenen wieder wohlfühlen, weil Stadt doch so sein muss. 

Und ich? Ich hatte eben diese Sommerstadt, die ich liebe. Die Stadt, die mich dann wieder einfängt, wenn ich doch so oft mit ihr hadere. Deren Entwicklung mir Angst macht und von der ich weiß, dass ich sie eines Tages für immer verlassen werde, verlassen muss. Dann, wenn sie nicht mal mehr im Sommer meine Stadt ist, dann wird der Moment gekommen sein. 

Jetzt aber sind es die Tage des Angleichens, des Mitrennens, um noch schnell alles zu schaffen, bevor es eine Pause gibt, für mich, von der Stadt. Eine Pause weg. Die Bücher sind gepackt und wenn der Sommer hier endgültig auch meteorologisch Abschied hält, fahre ich ihm hinterher. Es wird wunderbar.


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Wähle Deine Worte weise - oder, welche Information ist wirklich wichtig?

Vor einigen Wochen erzählte ein Kollege von einer missglückte Waschmaschinenreparatur, wie es so viele gibt, genauer, die Firma, die er rief war offensichtlich keine sonderlich vertrauenerweckende. Die Information, die er weiter gab war, dass der junge Mann, der zur Erstbesichtigung augenscheinlich nicht "biodeutscher" Herkunft war. 

Eine Kollegin fragte, was diese Information zur Sache täte. Er stutzte und sagte, gar nichts. Denn in der Tat, das tut sie nicht. 
Eine Dokumentation über den Zoll an deutschen Flughäfen. Eine Familie, die zu Besuch bei Verwandten in Vietnam war wird kontrolliert, man findet einiges, was hier nicht zugelassen ist. Die Stimme aus dem Off spricht immer wieder von der "vietnamesischen Familie", die Pässe, die die Zollbeamtin während der Bearbeitung in der Hand hat, sind durchweg deutsche weinrote Papiere. Eine Traumatherapeutin wird zu ihrer Arbeit mit Geflüchteten interviewt. Im gedruckten Interview steht, dass sie jüdisch ist. Der neue Freund der Nichte ist eine Urlaubsliebe, das einzige, was man in der Verwandtschaft mitteilt ist, dass er schwarz ist. Der Moderator, der nach einem Interview die Speicherkarte mit dem Interview abgenommen bekommt, macht auf diesen Eingriff aufmerksam. In Berichten von von dem jüdischen Journalisten gesprochen. 

Ich frage mich, was haben diese Informationen von möglicher Herkunft, z.T. auch nur Mutmaßungen mit dem eigentlichen Inhalt der Information zu tun? Vielleicht sollten wir uns selbst hinterfragen, was wir damit tun, in dem wir hier eine Schubladeneinordnung vorwegnehmen, ohne, dass wir wissen, wie das Gegenüber einordnet. Natürlich wird die Traumatherapeutin einen völlig anderen Ansatz haben und natürlich wird sie nicht mit muslimischen Geflüchteten arbeiten können, das geht ja nicht. Natürlich wird der Journalist per se Vorurteile haben. Natürlich arbeitet der Waschmaschinenservice schlecht, weil er "südländische" Wurzeln hat. Natürlich wird der Mann der Nichte ein niedriges Bildungsniveau haben. Natürlich würde eine herkunftsdeutsche Familie keine Pflanzen inklusive Wurzeln nach Deutschland einführen. Natürlich sind die, die einen rein unbunten Stammbaum haben, lupenrein, machen nie Fehler und sind völlig unvoreingenommen. Machen wir uns doch nichts vor! Es spielt keine Rolle. Die Information, die wir damit vermitteln, hat eine, wenn auch vielleicht unbewusste manchmal aber auch bewusste Zielsetzung. 

Spielt es eine Rolle, dass ich polnische Nachbarn habe? Reicht nicht die Information, dass die Jungs einfach die besten Nachbarn sind, die man sich wünschen kann? Das einzige, was relevant ist, dass die Großmutter ziemlich leckere und ganz andere saure Gurken macht. Aber hey, meine Großtante machte die unübertroffensten Senfgurken überhaupt. Spielte das Jüdische da eine Rolle? Wir sollten uns selbst überprüfen und überlegen, was wir sagen, wie wir es sagen. Sind manche Informationen wirklich relevant und wenn ja, warum? Man kann es trainieren. Und so im kleinen vielleicht anfangen, das zu bekämpfen, was immer mehr zum Problem zu werden scheint: das Ausgrenzen, Abgrenzen voneinander. Wir kreiseln uns ein und andere aus. Wir vermitteln und leben ein wir, Ihr nicht. Wir takten Menschen, manchmal auch wohlgemeint, ein in Gruppen, in denen sie sich vielleicht selbst gar nicht verorten. Und wir sind doch alle so viel mehr als diese eine kleine Eigenschaft, auf die man uns versucht zu reduzieren. 

Sprache ist sensibel, mit Sprache steuern wir, mit Sprache wurden wir gesteuert und wir werden gesteuert. Sie kann manipulieren und wird täglich dafür genutzt, ohne, dass wir uns dessen unbedingt bewusst sind. Herrscharen von Textern werden beschäftigt, um uns das eine oder andere schmackhaft zu machen, uns zu vermitteln, dass ein Leben ohne dieses Produkt nicht lebenswert ist. Parteien werben mit Worthülsen um die Gunst der Wähler, Demagogen fangen ihre Gefolgschaft. Sprache ist die gewaltigste und gefährlichste Waffe, die der Mensch hat und wir haben das Glück einer wunderschönen wortreichen Sprache, die aber auch so brutal sein kann. Nutzen wir sie weise. Achten wir darauf, welche Worte wir wählen, was wir sagen. Heute mehr denn je. 

Und vielleicht, ganz vielleicht hilft auch die Lektüre der LTI. Das kleine Buch, dass mir als Teenager in die Hand gedrückt wurde, dass meine Sicht auf Sprache für immer veränderte. Wer nicht gern liest, der möge in das wunderbare Hörspiel des Kulturradios zur LTI reinhören. Oder, wer es aktueller mach, sei immer wieder ein Blick ins Sprachlog empfohlen.

Achten wir mehr darauf, was wir sagen. Versuchen wir eine Ahnung davon zu bekommen, wie wir Menschen wegsortieren, verletzten, ausgrenzen. Alles mit Worten. Hören wir auf damit. Im Kleinen liegt der Beginn. Wähle Deine Worte weise, sagte die Tante mit den Senfgurken immer. Sie wusste noch, wovon sie sprach und sie hatte nicht vergessen, was Sprache anrichten kann. 




Der Angetraute der Nichte stellte sich im übrigen als hochgebildeter, charmanter junger Mann heraus. Warum sollst hätte sie sich auch sonst verlieben sollen. Massel tov den beiden vor allem zum Nachwuchs. Die Traumatherapeutin verdreht ob der Einordnung die Augen und hakt es ab. Und der Journalist? Es ist ein Skandal, was dort passiert ist. Sein Jüdischsein hat herzlich damit zu tun. Man muss ihn auch nicht mögen und kann ihn ablehnen, aber auch das hat mit dem Judentum nichts zu tun, nur wird er immer wieder darauf reduziert.



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Die Wahl die keine Überraschung war und einige pessimistische Gedanken

Eigentlich, ganz eigentlich plante ich über die Synagogengeburtstage zu schreiben, Geburtstage, die groß gefeiert werden in stetiger gegenseitiger Zusicherung der Begeisterung für das "jüdische Leben" in Deutschland, Zusicherung der Sicherheit der hiesigen Juden und der nicht minder sicheren Überzeugung vom Existenzrechts des Staates Israel. Ich habe die Reden heute zum 100. Geburtstag der Synagoge Fraenkelufer nicht gehört, vermute aber, dass sie mindestens Teile desgleichen in sich hatten, ähnlich werden auch am kommenden Sonntag die Ansprachen in der Neuen Synagoge lauten, die morgen vor 150. Jahren eingeweiht wurde. Tuet auf die Pforten steht an ihrem Eingang, durch den schon lange niemand mehr ging.

Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dann war da aber noch die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern und eigentlich kann man doch zur Geschichte der Synagogen alles nachlesen, hier und hier zum Beispiel. Ich kann nicht feiern, nicht heute. Die Wahlergebnisse waren keine Überraschung, sie werden auch in Berlin nicht anders sein. Es war das erste Mal, dass ich nicht fiebernd auf die Ergebnisse wartete. Ich wollte es nicht wissen, ich kam nicht herum. Und ich frage: Wohin soll das gehen? Woher kommt es?

Die Menschen driften immer weiter auseinander. Sie interessieren sich immer weniger füreinander, für andere, für anderes. Ich, ich, ich ist das, was ich am meisten höre. Kein Hinsehen, kein Nachdenken, kein Reflektieren. Sich einfach nur helfen, ohne Gegenleistungen zu erwarten, einfach mal abgeben, ohne den Gegenwert zu berechnen und einzufordern. Das, was ich mehr habe, das, was ich nicht mehr brauche, ich gebe es nicht her. Ich muss mehr zusammenbekommen, mehr raffen, sparen, sammeln. Das hat nichts mehr mit "schaffe schaffe" zu tun. Es ist ein Blindwerden, blind gegenüber anderen. Wir leben immer immer homogeneren Kreisen, sehen das andere nicht und haben immer mehr Angst davor. Bloß nicht anders sein, nicht auffallen - außer natürlich mit dem neuen noch größeren Auto oder den noch hipperen Job. Eine Gesellschaft verfällt in Zeiten, die schon längst überwunden zu sein schienen und ich ärgere mich. Ärgere mich nicht nur über die Umstände, sondern darüber, dass ich in diesen Zeiten leben muss, in dem Rosa und Heimchen am Herd wieder als weibliches Ideal gilt, in dem sich die Menschen in ihrem Bionadebiedermeier natürlich ökologisch korrekt zurückziehen. Nur eines vergessen sie zu sein: Mensch. Kinder werden optimiert, der Partner optimal erwählt, Schwäche darf man sich nicht leisten und statt Freunden hat man den Psychotherapeuten. Denn Freude sind zur Bewunderung da, nicht, um sich auszusprechen und auch mal Unangenehmes gesagt zu bekommen. Man quält sich durch Beziehungen, weil man natürlich sonst all das Materielle verlieren würde, man leidet aber wahrt das Bild. Man meint alles besser zu machen als die Eltern und ist doch so schrecklich verspießert, dass man es gar nicht merkt und jene, die damals ganz jung noch den Wandel mit anfingen sind nun vornweg.

Es ist so unerträglich und es regt mich auf. Ich gehe einkaufen und sehe um mich herum säuberliche Trennungen Mädchen - Jungen. Dazwischen gibt es nichts. Ich höre Frauen, die nicht mal in der Lage sind einen kaputten Schlauch zu wechseln, eine Waschmaschine anzuschließen, sie versuchen es nicht mal, ich sehe Männer, die mit Mitte dreißig noch immer nicht in der Lage sind, ihre Wäsche zu waschen, sich ein vernünftiges Essen zuzubereiten. Himmel, ist das die Generation der befreiten Kinder? Die, die nicht mehr gegängelt wurden, die frei ihre Kindheit leben konnten? Sind das tatsächlich jene, die ihrer Kinder Alltag bis auf die letzte Minute durchplanen, die Geringschätzung anderer vermeintlich Niederer gleich mitgegeben. "Dein Vater ist kein Anwalt/Arzt/Architekt?" Es ist doch absurd. Alles scheint so absurd und eigentlich möchte ich nur lachen. Doch leider ist ein kein schlechter Film, es ist unsere Gesellschaft, die je mehr sie hat, noch mehr abgrenzt, noch weniger hineinlassen will, die anders sind. Die nicht mehr in der Lage ist, die Frau mit ihrem Hackenporsche und den stetig ungewaschenen Haaren, der seltsamen Kleiderzusammenstellung zu ertragen. Sie passt nicht mehr ins Bild der hochpolierten Nachbarschaft, die doch mal ihr zuhause war. Bald werden wir wieder kleine Treppenaufgänge hinten im Hof bauen, wo man sie nicht sieht, für's Personal, damit die nicht die Vordertreppe nehmen.

Ja, ich bin pessimistisch in meinem ewigen Optimismus. An Tagen wie diesen besonders. So lange ist es nicht her, dass Gesetze geändert wurden, die Frauen das Recht über die Selbstbestimmung über ihren Körper gaben, die sie vor Gewalt in der Ehe schützten, Kindern Rechte gaben. Ich frage mich, wie lange noch? Und ich frage immer wieder: woher kommt diese Angst von jenen, die noch nie etwas zu befürchten hatten? Von jenen, den noch nie Unrecht geschah? Die Frau mit dem Hackenporsche gibt es nicht mehr, sie ist verschwunden. Sie hat vermutlich zu laut geschrien in der Nacht. Niemand hat gefragt, warum. Sie passte nicht ins Bild.



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Statt Podcast ein anderer Podcast II: The Kibitz Podcast

In der großen jüdischen Podcastwelt habe ich ein weiteres kleines Juwel gefunden: The Kibitz Podcast, das ich gern ans Herz legen möchte.  The Kibitz kommt aus dem selben Haus, wie die Friday App, die hier bereits von Chajm besprochen wurde. 

Wie auch schon beim hier vorgestellten Podcast On the other Hand ist es für mich eine so wunderbar erleichternde Entdeckung, da es viel mehr "mein" Judentum wiedergibt, als das, was man hier in Deutschland findet. Wir werden hier wohl doch noch Jahre brauchen, um wieder neugierig, humorvoll und progressiv in unserer Religion zu sein. Vielleicht ist es tatsächlich das, was ich am meisten von der Zeit in den USA vermisse: ein unbefangenen Umgang mit der eigenen Religion. Also sauge ich alles auf, was anders ist. Nach einem Aufschwung in den 2000er Jahren wird es nach meinem Empfinden immer konservativer in diesem Land, progressive Ansätze führen oft nur ein Nischendasein.

Zurück zu Kibitz, Dan Crane, Host der Sendung, spricht mit Comedians, Rabbinern, Großmüttern, Nachbarn. Er spricht über Feiertage, Ansichten zu bestimmten Themen wie Liebe, Superhelden, Tiere,  Bar/Bat Mizwa, Beschneidung, Transgender, Antisemitismus und es wäre natürlich kein jüdischer Podcast, wenn es nicht auch um Essen ginge. Ein großartig humorvoll unterhaltsamer Podcast, der kein Glossar für jüdische Begriffte erfordert, nur Englischkenntnisse und auch mal zugibt: müssen wirklich jeden kleinsten Feiertag kennen, nur weil wir Juden sind? Und wieso Konfirmation bei Juden?





Reinhören. Es lohnt sich. 

Das Fräulein Pufahl aus Treptow - oder die Moritz und Johanna Simon Stiftung

Ein nicht staatliches Kinderheim, in dem jüdische und christliche Kinder leben und das Anfang 1900, in einer Welt, in der die Fürsorge von religiösen Einrichtungen abhing oder eben in staatlicher Hand war? Gab es nicht? Doch gab es: Das Waisenhaus der Moritz und Johanna Simon Stiftung in Treptow. Eine kleine Spurensuche.

Buchbetrachtung: Homeland von Wolfgang Strassl

Es war still hier auf dieser Seite. Still, da ich denke, man muss nicht zu allem etwas sagen, man muss nicht jede Neuigkeit kommentieren, man muss nicht immer dabei sein. So lag das Buch schon am vergangenen Freitag hier...es blieb liegen. Es war nicht die Zeit. Heute aber soll sie sein, die Zeit für Homeland von Wolfgang Strassl. 

Gedanken zu #Nizza

Wie viele Tage begannen wir inzwischen damit, aufzuwachen und zu lesen, dass Menschen getötet wurden? Wie viele Tage stehen wir hilflos dabei, sind fassungs- und sprachlos. Wie viele Tage noch lassen wir uns zu Instrumenten machen, beginnen, die selbe sinnlose Sprache der Gewalt zu sprechen? 

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