#rp15 - Jetzt seid Ihr gefragt

Freitag, Mai 01, 2015
re:publica 15 - FINDING EUROPEDie re:publica naht mit großen Schritten, zu großen Schritten, wie mir fast scheint. Kurz und knapp, ich werde einen kleinen Beitrag zum Thema deutsch-jüdische Blogosphäre halten. An dieser Stelle sei vor allem den Bloggern gedankt, die mir so nett auf meine Fragen geantwortet haben! Eure Antworten sind auch ohne Vortrag bereichernd, spannend und zum Teil auch sehr überraschend. Danke!

Weshalb ich hier aber nur ganz kurz schreibe: in einer halben Stunde, die man mir gibt, kann man nicht so sehr viel sagen und ob Zeit für Fragen bleibt, ich weiß es nicht. Daher möchte ich jetzt einfach Euch bitten, mir zu sagen, was Euch interessiert, was Ihr wissen wollen würdet zum Thema, von den Bloggern und überhaupt. Ich vermute, dass einige Fragen schon beantwortet sein werden, dennoch interessiert es mich und ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere die Zeit fände zu fragen. Ich hoffe dann, es am Donnerstag einbauen zu können. Und sonst würde ich auch hier in diesem Blog antworten. 

Also, legt los. Gern über das Kommentarfeld hier unten drunter oder per Kontaktformular hier.

Auch Euch schon jetzt, vielen Dank!
, ,

Münster, ein Antiquariat und Gedanken

Freitag, Mai 01, 2015
Neulich, irgendwann vor ein paar Wochen war ich in Münster, das erste Mal. Viel hatte ich gehört. Viel wurde ich auf den Tatort angesprochen, als ich von meiner Reise erzählte. Und eigentlich verbinde ich doch etwas anderes mit der Stadt: Ein Antiquariat, ein richtiges, eines, wie man es sich erträumt. Voll bis oben hin mit guten Büchern. Zwar war ich gebucht auf das StArtCamp Münster, doch irgendwie schwirrte dieser Laden in meinem Kopf.
Kalt war der Tag, es regnete und ein eisiger Wind wechselte sich mit Sonne ab. Nach etwas Orientierung sah ich es, endlich: das Antiquariat Solder. Und ich kam nicht ohne Auftrag. Ein Buch sollte ich finden, für Marco vom Denktagebuch. Durchgefroren betrat ich den Laden. Der Duft alter Bücher. Ich war zuhause. Herr Solder und ich hatten schon Kontakt, wir waren uns nicht unbekannt, umso schöner, sich direkt gegenüber zu stehen. 


Schnell stand ich vor dem Regal mit alten Insel Büchern. Ich liebe diese kleinen bunten Bücher, die alten besonders. Fünf von ihnen verließen das Geschäft an diesem Tag, begleitet von der Wärme, die ich dank eine Tees und eines Gesprächs mit mir nahm. Meine Bücher im Arm, ihren wohligen Geruch atmend ging es zum Hotel, ich hatte Zeit.
, , ,

"Das Requiem für einen polnischen Jungen" und die seltsame Vereinnahmung durch eine Stadt

Donnerstag, April 23, 2015
Die Feiern zum 70. Jahrestag der Befreiung sind deutschlandweit im Gange. Quasi jedes Wochenende finden bewegende Veranstaltungen in den Gedenkstätten statt, oft zum letzten Mal mit Überlebenden dieser Orte des Grauens. Und immer wieder wird daran erinnert, wie wichtig die Erinnerung sei, das Nichtvergessen.
Steht man abseits der Planungen, Vorbereitungen und kann sich ganz dem Moment hingeben sieht man Dinge, die mehr als merkwürdig, die gefühllos, unbedacht und absurd erscheinen und sind.

Jeden Tag muss ich Presseschauen machen. Jeden Tag lese ich dieser Tage davon, dass die Zerstörung deutscher Städte und Dörfer in den Augen der Menschen, bzw. der Journalisten, einen höheren Stellenwert einnehmen als das, was dem zu Grunde liegt. Niemand scheint zu fragen, WARUM das alles geschah, warum Deutschland "befreit" werden musste und manchmal habe ich den Eindruck, dass es auch nicht so gesehen wird. Gelegentlich darf man nach allem noch lesen, dass hier und dort auch ein paar "Fremdarbeiter", die im Ort "beschäftigt" waren bei den Angriffen umkamen. Nur selten nennt man sie beim Namen, nur selten sagt man, dass es Zwangsarbeiter waren, oft genug aus ihrer Heimat verschleppt, um in Deutschland zu arbeiten. Noch seltener sagt man, dass sie keinen Schutz in Luftschutzkellern suchen durften.

Und dann sind dann noch die Städte, bei denen man noch mehr hinsieht. Denn wenn schon nicht sie selbst, so wurden doch zumindest die Häftlinge der in ihrer Nachbarschaft liegenden KZs befreit. Besondere Blüten scheint es mir in Nordhausen/ Thüringen zu treiben. So begeht man dort "traditionell" eine Woche vor dem Jahrestag der Befreiung des nahegelegenen KZs Mittelbau-Dora, den eigenen Jahrestag, den der Zerstörung der Stadt. Allerdings sagt auch hier niemand, WARUM. Die Zeremonien hierzu treiben inzwischen seltsame Blüten bis zur Namenslesung der Opfer der Stadt durch Schüler der Nordhäuser Schulen. Von den Opfern des KZs und seiner Außenlager ist hier keine Rede. Die Zerstörung der Stadt wird mythologisiert. Psychologisch alles leicht zu erklären. Menschlich möchte man sich nur noch wundern, die Stadtverantwortlichen beim Kragen packen und fragen, ob sie noch ein Stück Verstand und Herz in sich haben. Seit dem Wochenende der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers sehe ich keine Chance mehr, sie noch wachzurüttel.

Seit über einer Woche, versuche ich das alles positiv zu sehen. Seit über einer Woche, versuche ich, mir einzureden, dass es alles nicht so gemeint war. Doch es gelingt nicht. "Das Requiem für einen polnischen Jungen", das in der örtlichen Kirche aufgeführt wurde, wurde durch die Stadt kurzerhand "anlässlich des 70. Jahrestages der Zerstörung Nordhausens und der Befreiung des KZ Mittelbau Dora" (in dieser Reihenfolge) präsentiert. Das wirft doch einige Fragen auf. Die Veranstaltung fand (eigentlich) anlässlich der Befreiung des KZs Mittelbau-Dora statt. Viele Zeitzeugen waren vor Ort. Im Programmheft werden die Texte der "Opfer des Faschismus", nach denen Lohff das Requiem schrieb in verschiedenen Sprachen zitiert. Kein Wort, nicht eines, spricht hier von Nordhausen.

Betrachte ich es positiv. So sollte es wohl etwas wie eine Annäherung sein, eine Annäherung, dass beide Ereignisse, die der Befreiung des KZs und seiner Außenlager und die der alliierten Angriffe, in einen Zusammenhang gesetzt werden, dass man aufhören möge, sie getrennt zu betrachten und zu begehen. Betrachte ich es realisitisch, so wurde das eine Ereignis ausführlich durch die Stadt begangen und sich hier lediglich angeklinkt, um nicht ganz so ignorant dazustehen. Noch heute, so scheint es, betrachtet Nordhausen und seine Vertreter die Anwesenheit des ehemaligen KZs als Übel, das es durch eigenes Leid zu übertönen gilt.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Nun, zunächst sollte diese unsinnige Mythologisierung der Bombengriffe aufgegeben werden. Vielleicht hilft es schon, wenn die Stadt ihre Sichtweise dahingehend verändert, dass auch sie befreit wurde. Wie mir scheint, sieht man es dort ganz anders. Weiterhin wäre es hilfreich, wenn man sich wirklich aktiv mit der Geschichte der Gegend auseinander setzt. Die "Fahnen der Erinnerung" zeigen deutlich wie sehr diese Stadt und die umliegenden Gemeinden darin eingebunden waren. Weiterhin könnte man sich für die nächsten Gedenktage direkt mit der Gedenkstätte zusammensetzen und überlegen, wie man nach dann mehr als 70 Jahren ein gemeinsames Gedenken ermöglichen könnte. Vor allem, so denke ich, wird es Zeit, das Trauma der zerstörten Stadt nicht mehr an die Jugendlichen weiter zu geben. So kann nie ein neues Denken, ein Entgegenkommen, ein Verstehen entstehen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Verhalten der Stadt nicht verstehen kann. Ich kann nicht verstehen, wie man Dinge nicht reflektieren kann, wie sie - gerade in diesen Situationen - wirken. Wie sie für Verwirrung sorgen werden und wie wenig sie für den Dialog und die Zukunft tun. All das ist kontraproduktiv. Die Insel des eigenen kleinen Denkens verlassen.

Nordhausen allerdings ist nur ein Synonym für andere Städte in diesen Tagen. Das Land zeigt in seiner Mehrheit, dass ich in einer Blase lebe. Ich möchte diese Blase behalten, ich möchte sie ausweiten auf die ganze Stadt, das ganze Land. Denn so weiß ich, dass es Zukunft geben kann. Perspektiven für alle.
Opferrollen einzunehmen, sie nicht zu verlassen, hat noch nie geholfen. Wagt man den Schritt, kann man Neues, Positives schaffen.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Überlebenden.


, ,

Der Holocaust Cartoon Contest

Montag, April 13, 2015
Gestern lief über Haaretz die Nachricht, dass der Iran wieder zu einem "Holocaust Cartoon Contest" aufrief. Sonst hat man davon wenig gehört in den westlichen Medien, die doch so schön damit provoziert werden sollten. Der erste "Wettbewerb" dieser Art fand 2006 statt, jetzt der zweite. Sehr vermutlich  als Antwort auf Charlie Hebdo.

Beim Lesen der Nachricht überkam mich lediglich Gähnen. Vielleicht ist man, bin ich inzwischen schon zu abgebrüht. Vielleicht kann ich es einfach nicht mehr hören, nicht mehr lesen. Provoziert das überhaupt noch irgendwen? Und warum nicht? Ist es überhaupt wirklich bis an die Europäische Gesellschaft gedrungen? Ich bin zwiespältig und es lässt mich eben nicht los, diese Frage.

Ein paar Gedanken dazu: Ich denke nicht, dass man dieser Ankündigung zuviel  Aufmerksamkeit schenken sollte, denn darauf zielt sie hinaus. Man will

"display the West's double standard behavior towards freedom of expression as it allows sacrilege of Islamic sanctities…"

Das lässt mich eher amüsiert schmunzeln. Die Doppelstandards der westlichen Welt wollen sie zeigen. Demnach sind Juden also die Westliche Welt per se. Dass das viele Rechte anders sehen, und auch reichlich sich nicht in diese Ecke einordnenden Menschen anderer Meinung sind, zeigt wieder, dass man nicht so richtig wohin weiß, mit uns. Warum müssen wir immer Symbolbild für irgendwas sein? Warum werden wir immer mit anderen Augen gesehen als jeder andere Mensch? Ich werde es nie verstehen.

Und weiter:

"but prevents research on the Holocaust due to the Zionist regime's steadfast opposition."


Da haben wir es wieder, wir verhindern natürlich auch wirkliche Forschungen zur Shoa. Was käme auch sonst dabei heraus? Dass es sie nicht gegeben hat natürlich, dass all die Menschen, dieser Tage, die wenigen Überlebenden lügen. Dass alles eine große zionistische Verschwörung ist.

Warum nimmt man nicht meinethalben einen Wettbewerb von Cartoon gegen die evangelikale Kirche in den USA? Oder auch die Politik Europas, wenn es nicht ganz so weit weg sein soll? Ganz richtig, der geplante Effekt wird nicht erreicht. Ich hoffe, trotz meiner Gedanken, er wird dieses Mal nicht erreicht. Ich hoffe, die Welt wird sich nicht vorführen lassen. Lasst sie doch zeichnen und sich stark und mutig fühlen. Lasst sie ihre Meinung äußern, wie sehr "wir" die Welt beherrschen, wie "wir" alles kontrollieren. (Btw. ich finde, wenn es so wäre, machten "wir" eine ziemlich schlechte Arbeit)

Ja, wir Weltbeherrscher. Uns ist langweilig, deshalb setzen wir uns freiwillig Repressalien aus. Deshalb müssen in jeder Generation, Menschen aus ihrer Heimat fliehen, nur, weil sie Juden sind. Deshalb müssen sie noch immer um ihr Leben fürchten und deshalb gibt es auch nur so wenige Fluchtmöglichkeiten. Deshalb werden Juden noch immer auf dieser Welt gekennzeichnet. Deshalb gibt es in vielen Ländern keine Juden mehr und in einigen werden die letzten verschwinden. Es lebt sich schön, in diesem Sonderstatus. Nein, das tut es nicht. Wirklich frei sind wir nicht. 

Und irgendwann, nach dem Lesen des Artikels kam der Gedanke, dass es vielleicht auch nur so ruhig ist auf den anderen Kanälen, nicht, weil wir Fanatikern kein Forum geben sollen, nicht, weil wir eben Stifte sprechen lassen wollen, ob sie uns gefallen oder nicht, sondern weil es doch einfach zuviele Menschen auf der Welt gibt, die all das gar nicht so falsch finden.
, ,

Erinnerungen an Bonhoeffer - oder warum er bis heute mein Leben bestimmt

Sonntag, April 12, 2015
Der Torso an der Westseite der Zionskirche zur Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer. Foto: SPKrautkrämer
Seit dem 9. April, dem 70. Todestags Bonhoeffers gehen mir viele Gedanken durch den Kopf, daher möchte ich wieder auf ihn zurück kommen. Ich schrieb schon in "Was Kirche für mich heißt" über mein Bild von Kirche und warum es ein anderes ist, als das, was wir heute da draußen sehen. Dennoch, dieser Mann ist mehr als das Denkmal, das sich durch meine Kindheit zieht. Er ist doch mehr als die Geschichten, die mir meine Mutter über ihn erzählte, als sein Name fast vergessen war - er bedeutet Kirche für mich.
, ,

Am See in Brandenburg - wo Idylle auch Grauen hieß

Samstag, April 04, 2015

Ein Ausflug, ins Grüne, in die Uckermark. Was Berliner eben so machen, wenn sie mal raus müssen. Die Sonne scheint, die Tour steht. Ein später Aufbruch und doch irgendwie alles ohne Ziel. Das stetige "Oh, hier war ich doch mal mit dem Rad" begleitet die Tour. Es ist kalt an diesem Tag. Die Sonne strahlt mit aller Macht dagegen und versucht die letzten Sturmtage vergessen zu machen.

Fürstenberg, Wasserstadt. Wunderschön gelegen. 
Ravensbrück. Konzentrationslager. Wunderschön gelegen.

Es ist still an diesem Nachmittag an diesem Ort. Vor der Jugendherberge stehen ein paar obligatorische Raucher. Sonst keine Menschen. Parken am See. Mit Blick. Wasser glitzert. Stille. Die Kamera greifen, um dem Ort irgendeinen Rahmen geben zu können. Um mich an irgendetwas festhalten zu können. Ich weiß nie, wie die Emotionen kommen, ob sie kommen. Hinter der Kamera kann ich fokussieren. Seltsam ist das. Auch, wenn es nur Schnappschüsse sind. Und weil es eben doch manchmal keine Worte gibt, heute eben nur ein paar dieser Schnappschüsse. 

Eine Statue hoch oben auf einem Sockel im See zur Erinnerung an das KZ Ravensbrück



Eine feste Kette, einzementiert im Boden. Hier war eins ein Wachhund angekettet, um die Inhaftierten im Zellenbau zu bewachen. 








 Reflektierendes Sonnenlicht auf dem Boden der ehemaligen Schneiderei. Der Raum ist leer. 


Und am Ende? Am Ende wohnte wie noch immer in diesem Land, die Spießigkeit.

Drei Einfamilienhäuser gebaut für die Lagerführer und ihre Familien.

Mit schönem Blick, auf den See.

Blick durch das Wohnzimmerfenster auf den See

Fahrt durchs Land

Freitag, März 27, 2015
Und dann sitze ich wieder im Zug... einmal quer durchs Land. Draußen Felder, kleine Häuser, brandenburger Flachland. Noch ist alles braun und grau...ein paar Rehe, Menschen mit Hunden auf Feldern...ein Auto hier und da, über Feldwege rumpelnd.

Im Zug geht eine Dame mit ihrem Hund spazieren, ein gebügelter Mensch neben mir. Seine Tasche die einer Pelzfrau. Ich wundere mich. Züge bringen Menschen zueinander, irgendwie....Herrendesigneroutfits werden am Smartphone betrachtet. Und ich schaue raus. Der schönere Blick - ohne Schallschutzwand....Schafe, Reiher, Sonnenstreifen. Es ist schön dieses Land. Auch in seiner frühen Frühlingskargheit. Hoffnung liegt auf dem ersten Grün. Äcker, frisch gepflügt, und die Elbe....umgeben von Tümpeln, die sie füllte. Schön ist sie, schön.

Es sind wohl diese Momente, dieses Betrachten der Landschaften, die mich hier am meisten heimisch fühlen lassen, die Liebe zum Land mit noch immer staundendem Blick erleben.

In den grauen Wintern frage ich mich oft, was Menschen einst dazu trieb, hier oben leben zu wollen. Ich verstehe die Römer in ihrem Unverständnis...an Tagen wie heute aber, weiß ich es. Still und wild irgendwie. Brutal auch. Nichts von der eleganten Schönheit der südlichen Landschaften. Und dennoch...die Landschaft scheint zu rufen: Hey, schau mich an, mach was! Und der Mensch machte...bis heute.

Derweil angehalten im Zug. Gezwungen an eine Stelle, gezwungen anderes zu tun. Entschleunigung in der Beschleunigung. Ruheabteil. Keine Gespräche. Musik auf den Ohren. Zeit zum Lesen, denken, sehen...kleine Reisen wie diese, wir machen sie zu wenig und wir schauen zu selten. .

Und dann: Frühling

Mittwoch, März 25, 2015
Und alles scheint wunderschön. Und Du spürst die Sonne auf Deinem Gesicht, kannst die Jacke beiseite legen, kannst innehalten und nur fühlen, hören, riechen. Frühling. Als hätte man die Menschen wieder angeschaltet, hätte man die Stromversorgung wieder hoch gedreht. Es sind diese frühen Frühlingstage, in denen Du das Glück in den Gesichtern der Menschen siehst. Nur ein paar wenige Tage sind es im Jahr und selten siehst Du die Gesichter in diesen Tagen. Die Augen sind weit für das helle Grün, für die Krokusse, Zaubernüsse und die Vögel, die plötzlich in aller Eile zu Baumeistern werden.

Und dann stehst Du am Fenster am offenen. Endlich. Du siehst draußen den Schwan vom Kanal her zur Spree rüber fliegen. Der Mond scheint schon am noch hellblauen Himmel. Und Du siehst die ersten Familienpicknicks drüben im Park und alles scheint voll Glück. Alles scheint zu gelingen. Alles ist so wunderbar. Und diese graue Stadt erwacht und räkelt und streckt sich und Du möchtest platzen vor Freude, dass das Leben wieder beginnt....und unten an den Häusern schleicht ein Obdachloser entlang. Auf der Suche nach Essbarem in den Tonnen des hippen Restaurants, auf der Suche nach ein paar Pfandflaschen, liegen geblieben im Rausch der letzten Nacht. Es sind mehr geworden, diese Obdachlosen. Mehr Gesichter, denen Du begegnest ohne Hoffnung. Aufgegeben. Du kannst sie nicht rütteln und rufen: "Schau doch, der Frühling". Ihr Frühling ist vorbei. Lange schon. Sie suchen ihren Weg, gehen weiter. Und Du hörst von den Freunden, denen diese Stadt kein Glück brachte, wie sie überhaupt so selten Glück bringt. Der Ausweg ist, die Stadt zu verlassen. Ist es ein Ausweg? Vielleicht. Traurig bist Du über diese Gedanken. Traurig, dass die Besten gehen, dass sie die Stadt nicht zu überleben scheinen. Und all das, was hier groß wird, was andernorts nicht so laut und falsch tönen konnte, das bleibt und auch das macht Dich traurig.

Und dann aber der Frühling. Und Dein Leben. Die Sonne und das Leben und die Hoffnung, die Du jedem geben willst. Es ist Frühling in dieser Stadt, die so hart geworden ist.

Über das Leben an Orten mit schrecklicher Geschichte

Sonntag, März 22, 2015
Sept. 16, 1961. West Berliners wave to friends and family across the Berlin Wall. From the booklet "A City Torn Apart: Building of the Berlin Wall." For more information, visit CIA's Historical Collections webpage (https://www.cia.gov/library/publications/historical-collection-publications/index.html).
Eines vorweg: ich bin vorbelastet. Ich sehe die Welt, die Städte mit anderen Augen. Ich bin Nachfahrin von sogenannten Opfern zweier Diktaturen. Ich betrachte uns nicht als Opfer, nicht mehr, denn wir sind da. Wir haben überlebt, mit Blessuren, Narben und offenen Wunden, aber wir haben überlebt - die Täterstaaten nicht.

Und gerade weil ich eine Vernachlässigung sehen, weil ich erkenne, dass immer weniger Wissen vorhanden ist, immer weniger Gefühl für das, was einst an Orten, in Häusern geschehen ist, unter welcher Motivation sie erbaut oder abgerissen wurden, weil all das im Wahn der Immobiliensucht und Investorenwettk(r)ämpfe verloren zu gehen droht, will ich nun, muss ich etwas sagen:

Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie Menschen an Orte ziehen können, in denen andere Menschen sterben mussten. Ich verstehe nicht, wie Menschen ohne ein wenig ein Auge in die Geschichte zu werfen, froh in ihr neues Zuhause ohne ein Wissen, ohne ein Gefühl, was dort einst geschah. Nein, ich verstehe auch nicht, warum es nicht den Mut zur Leere in dieser Stadt gibt, die eine solche Straße, wie z.B. die Bernauer Straße nicht frei bleiben lässt, eine Narbe in der Stadt - nicht nur in Gedenken an jene, die dort ihr Leben ließen, sondern in Gedenken daran, wofür all das stand.