"An allem sind die Juden und die Radfahrer Schuld."

Wie versprochen hier nun mein Text, den ich heute auf Einladung der Bundestagsfraktion der Grünen lesen durfte. Es war das erste Mal, dass ich etwas ablas, es war also weniger Rede als gesprochener Blogpost, also muss es auch hier rein. Danke, dass Ihr da wart, live oder per Stream und danke nochmal an jene, die im Nachhinein auf mich zukamen. Das bedeutet mir sehr sehr viel. Ganz herzlichen Dank!

Über Deutschlands Gedenkkultur - oder wie sie auch sein könnte

Deutschland ist berühmt, nicht nur für seine Exporte, sein Bier, Deutschland ist auch berühmt für seine Gedenkkultur. Rühmt sich, Vorreiter zu sein. Delegationen aus aller Welt reisen an, um sich zu informieren, wie man mit den Morden im eigenen Land umgehen kann, wie gestalten. Deutschland rühmt sich dafür und hat, nach anfänglichen Vergessensversuchen hier vielleicht tatsächlich einen anderen Weg beschritten. Doch was ist dran? 

Geschichtskonferenz anders, das zweite Jahr des #histocamp und der #GeschichtsCheck

Am vergangenen Wochenende trafen sich in Mainz zum zweiten Mal die, "die an und mit Geschichte arbeiten". Es waren großartige Tage mit großartigen Menschen, ich habe viel gelernt und kennengelernt. Ein Jubelwort, ein Rückblick.

Bereits im vergangenen Jahr trafen wir uns in Bonn, dieses Jahr ging es weiter nach Mainz. Im Rathaus trafen sich etwa 170 Historiker, Archivare, Museums- und Gedenkstättenmitarbeiter zum regen Austausch der etwas anderen Art. Gleich zu Beginn stellte Karoline Doering, Vorsitzende des Organisationsvereins Open History e.V. klar: wir duzen uns hier alle, es gibt keine Titel. Denn das ist das, woran so manche Geschichtskonferenz krankt: immer dieselben titelschweren Redner im Frontalunterricht mit doch ziemlich immer denselben Themen. Und das histocamp? Das ist anders. Hier darf jeder, der sich traut präsentieren, rückfragen, anregen, teilnehmen, allein das Interesse des Publikums zählt. Eben ein Barcamp. Soviel zum Hintergrund. Und meine Tage? Da ich dieses Jahr Raumpatin war, hatte ich nicht die Wahl über Sessions, in die ich gehen wollte, die Sessions kamen zu mir, was die Qual der Wahl ersparte und neue Horizonte öffnete. Apropos neue Horizonte, die eröffnen sich immer beim histocamp, denn oft genug gibt es Themen, mit denen man sonst wenig zu tun hat oder die man im Studium sogar langweilig fand. Dank histocamp hat sich das Mittelalter für mich neu erschlossen, und die isländischen Sagen in diesem Jahr ganz besonders (#iceghost wäre ja was für die kommende Wintervorlesezeit). Und ja, es dürfen auch weniger historische Themen besprochen werden, so wurde unter #histotools ein wunderbares studentisches Projekt vorgestellt, in dem Twitteraktionen besser und weniger aufwändig zu planen sind: AutoChirp .

Es gab auch einen Wettkampf, der jeden Lehrenden vermutlich ins Grab bringen wird, aber machen wir uns nichts vor, jeder schaut bei Wikipedia rein, und sei es nur, für einen Ansatz. So also stritten sich die besten der besten im #histobattle darum, wer mit den wenigsten Klicks von einem Artikel zum nächsten käme, ohne Suche natürlich, nur über Verlinkung. Es waren eindeutig Profis am Werk.
Bei #ArchiveInNot diskutierten wir über Wege an Archivalien zu kommen, die nicht auffindbar sind. Ein Gewinn waren auch hier die Profis, die über ihre Arbeit, Hindernisse und Lösungen berichteten.


Der Empfang im Museum antiker Schifffahrt am Abend des ersten Tages war ein kleines Highlight. Hier ein paar Eindrücke, die ich auch auf Twitter gepostet hatte.




Leider war nicht alles eitel Sonnenschein, denn wir wurden entdeckt, von wem und warum, hat Daniel Bernsen auf seinem Blog beschrieben. Eigentlich ging es in der Session #Geschichtsunterricht2030 doch nur darum, wie der Unterricht 2030 aussehen könnte. Aber lesen Sie selbst.


Ursprünglich wollte ich hier in diesem Post noch das wunderbare Projekt "GeschichtsCheck" vorstellen. Auf meiner Facebookseite und in Twitter konnte man schon gelegentlich darauf stoßen. Der Verein Open History e.V. hat mit Förderung der Bundeszentrale für Politische Bildung ein Projekt ins Leben gerufen, dass Gerüchte untersucht und kurz und knackig mit Fakten widerlegt. Perfekt, um es zu teilen, damit zu antworten, oder sich selbst zu vergewissern. Hier sind Profis am Werk: GeschichtsCheck - Historiker*innen gegen Hassrede

Das bemerkt man in der Tat, wenn man in den letzten Tagen dem Account folgte. Sehr geduldig werden teils absurde Behauptungen und Angriffe beantwortet. Das Tool selbst übrigens ist nicht nur im Netz zu finden, gerade für Schulen kann es ein hilfreicher Werkzeugkasten sein, auch Workshops werden angeboten. Schauen Sie einfach rein. Eine der besten Initiativen gegen Hatespeech der letzten Jahre und wenn Sie selbst unsicher sind, man kann auch Fragen stellen. Denn:




Nochmals, an dieser Stelle, ein großes DANKE an die Organisation und GeschichtsCheck für ihre Arbeit, Wer Mitglied beim Verein, der so großartige Sachen macht, werden will, der kann das hier tun. Ich freue mich auf das nächste Jahr.

Alle Themen vom #Schreibsprudel zum #histrev und #histobaby finden Sie übrigens auf dem Blog des Histocamps. Über die Hashtags kann man alle Tweets zu den Sessions finden, an einer Zusammenfassung wird gearbeitet. Hier geht's lang. 
 

Wir müssen reden - über #Luther2017

Eigentlich wollte ich doch gar nichts schreiben zum derzeitigen Lutherhype, denn anders kann man die Vorgänge schon lange, bevor das eigentliche Jubiläumsjahr beginnt nicht nennen. Und man fragt sich ernstlich, wüsste man es nicht besser, was eigentlich hier gefeiert wird.

Zuvor, ich beziehe meine Kritik auf Ausstellungen, Tourismusmarketingcampagnen und Devotionalienverkäufer. Ich weiß um die Arbeit und machmal auch Kämpfe derer, deren Arbeit Kirche ist: die Pfarrerinnen und Pfarrer. Hier stehen die Dinge anders, als dort, was von der Masse der Menschen wahrgenommen wird. Aber machen wir uns nichts vor, gerade dort, wo die Reformation ihren Ursprung nahm, sind Christen nicht die Mehrheit der Bevölkerung. 

Schon als die ersten Ausstellungskonzepte (und es sind sehr viele) zum Reformationsjubiläum erschienen, fiel auf, dass man tunlichst das leidige Thema Luthers (Juden-)hass ausklammerte. Über den Bauernhass kann man noch eher sprechen, aber Juden, ach, das passt so schlecht ins Bild und lässt sich so schlecht vermarkten. Womöglich kamen dann einige Touristen weniger. Denn nichts anderes scheint das Land ergriffen zu haben: die Chance der Vermarktung. Und nein, kommen Sie mir nicht damit, dass hier nichts vermarktet werden soll. Das ist eine holde Illusion. Es gibt Luther Lego Figuren, Luthersocken, Lutherpapiertaschentücher, Lutherpastillen, Luthertassen, Lutheranstecknadeln, Lutherplüschfiguren, Luthergeschirrtücher. Man kann quasi sein ganzes Haus mit Devotionalien ausstatten. Alles, was der Fanboy, das Fangirl brauch. Habe ich ein Problem damit? Nein, wem's gefällt, der möge es tun.

Nun schauen wir weiter, in gefühlt jeder Stadt, jedem Dorf dessen Kulisse Luther einst gesehen haben mag, sprießen die Lutherausstellungen aus dem Boden. Die Hoffnung heißt: ein Stückchen vom Kuchen. Niemand fragt sich, ob nicht irgendwann, bereits jetzt schon womöglich, eine Übersättigung einsetzt. Bei mir ist es so. Leider.

Nein, es soll nichts vermarktet werden so heißt es immer wieder. Sachsen-Anhalt bennent rein zufällig gerade jetzt seinen Landesslogan vom merkwürdigen "Land der Frühaufsteher" um in "Ursprungsland der Reformation", als wäre es nicht schon die letzten 500 Jahren genau das gewesen. Nur scheinen die beauftragten Marketingbüros das Potential erst jetzt zu entdecken.

Alles spricht über Luther, kaum jemand scheint über das eigentliche zu sprechen: die Reformation an sich. Wir bewegen uns also weiter um die Person. Dann mussen wir auch alle Aspekte beleuchten. 
In Eisenachs Bachhaus wagte man, bis dato einmalig, einen konzentrierten Blick auf das, was da die Folgen Luthers Auswürfe waren. Bezeichnend vielleicht, dass diese Ausstellung nicht Teil des Lutherjahres ist. In Berlin nun wird die Topographie des Terrors als Reaktion auf die mangelnde Rezeption der zentralen Ausstellungen zumindest die Auswirkungen Luthers Judenhasses in Nationalsozialismus beleuchten. Wie gesagt, als Reaktion. Allein schon das stimmt mehr als nachdenklich. 

Ich denke es geht auch darum, eine Ikone zu entzaubern, zu hinterfragen, das zu hinterfragen was falsch war und ist statt es totzuschweigen oder ganz hinten ins letzte Ecklein einzusortieren, wo man es nur findet, wenn man konkret danach sucht. So kann man immer sagen: "Wir haben es doch thematisiert." Mit einer Entzauberung aber verkauft man womöglich weniger Socken oder Neudruckbibeln in allen sprachlichen Varianten. Oder doch nicht? Die Demythifizierung eines Idols kann auch dazu führen, dass es greifbarer wird, zum Menschen wird und damit näher rückt für viele. Den hohen Sockel stetig hochzuschauen ermüdet auf Dauer.
Es war eine Entscheidung, das Reformationsjubiläum zu einem Personenkult zu machen. Nur muss man damit umgehen - nicht nur in Kirchengemeinden und -kreisen. Die Reformation und Luther sind keine Interna und sind nicht nur relevant für die evangelischen Christen. 
War Luther der erste Antisemit? Nein, das wissen wir. Dennoch, Luthers Schriften hatten Folgen. Sehr gute und sehr schlechte, bis heute. Menschen leiden bis heute durch das, was er mit seinen Worten sähte. Ungezählte Menschen starben durch sie. 

Wir müssen reden.



photo credit: Harald52 Der Reformer via photopin (license)

Identitäten - Wir sind mehr als nur eines allein.

Wir Menschen denken in Schubladen. Eine eigentlich nicht schädliche Einrichtung des menschlichen Geistes scheint immer weniger Reflexion zu finden. Ist die Einordnung, die ich hier treffe richtig? Bin ich zu voreilig mit meinem Urteil? Die Fragen höre ich in den Diskursen der Gegenwart wenig. Im Gegenteil, die Schublade wird gefüllt und verschlossen - ohne Chance für den den eingeschlossenen oder den Schubladenbesitzer, sein tun zu überdenken. Vor allem aber ohne seinen Willen. Ein Widerwort.

Buchbetrachtung: GOLEM, Katalog zur Ausstellung #golemberlin

Ein Buch zur Ausstellung zu lesen, ohne die Ausstellung gesehen zu haben ist ein Experiment für mich. Es ist gelungen. 
Die GOLEM Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin (bis 29. Januar 2017) wird begleitet von einem aufwändigen Band erschienen im Kerber Verlag. Ich durfte hineinschnuppern. 

"Das geht seinen sozialistischen Gang."

So hört man immer mehr am Telefon. Nein, nicht damals, als es noch mit einer gewissen gewagten Ironie gesagt wurde. Heute. Heute gerade wieder am Telefon. Ich will das nicht.
Es gibt Tage an denen ich nur die Augen verdrehe, nicht reagiere, es überspiele, was "Es" in mir auslöst. Ich verkrampfe, nicht nur innerlich. Ich will den sozialistischen Gang nicht. Ich wollte ihn nie. Er war Bedrohung, Dunkelheit und Kindheit ohne Leichtigkeit.

Mein "sozialistischer Gang", wie er vorgesehen gewesen wäre durch jene, die die Zukunft der Menschen bestimmten, wäre weit weg von dem, was mir heute möglich ist. Er lag wie ein dunkler Schatten über meiner Kindheit. Das Bewusstsein, was kommen wird, welchem ich nicht ausweichen können würde, was man tun wird, mit mir. Ich frage mich noch heute, was gewesen wäre und finde nur zwei Antworten, zwei Lebenswege: versuchen, das Land zu verlassen auf welchem Weg auch immer und damit mein Leben zu riskieren oder sich dem Leben dort in diesem Land zu verweigern. 

Die Schule sah kein Abitur für mich vor. So wurde es bereits in meinen ersten Schuljahren trotz hervorragender Leistungen mitgeteilt. Bei dieser Familie - unmöglich. Das Arbeiterkind, das später meine Mutter wurde, durfte noch studieren. Ich war das Paradox der nächsten Generation. Intelligenzlerkind. Sie enttäuschte die Hoffnungen in sie, sie dachte selbst, nutzte ihr Gehirn. Das ging nicht. Das spätere Kind hätte laut Aussage eines Vorgesetzen (und Funktionärs), auch heute noch in bester Position, "auf der Straße verrecken können". Der sozialistische Gang. 

Die Auswege für meinen Weg wurden gesucht. Wie den Wehrunterricht umgehen? Wie einen irgendwie erträglichen Arbeitsplatz finden, in dem ein denkender Mensch in einem Land in dem er nie frei sein wird, schlicht nicht den Verstand verliert. Wie eine Zukunft haben ohne eine Zukunft zu haben? Der sozialistische Gang. Hätte es eine Lösung geben. Vielleicht. Man hätte es versucht, über die Kirche. Der einzige Ort, an dem man reden konnte, reden durfte. Die Weichen waren gelegt.

Und persönlich? Ich hatte Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor der Schule jeden Tag. Ich stand auf verlorenem Posten. Ich hätte mich anpassen können, meine Familie verraten, sie noch mehr der Willkür preis geben können. Ich tat es nicht. Es kam mir nicht einmal in den Sinn. So blieb die Angst davor, nach hause zu kommen und doch vergeblich auf meine Mutter zu warten. Angst, dass es an der Tür klingelt und graue Menschen in Ledermänteln davor stünden. Angst davor, dass sie mich doch in ein Heim bringen würden und ich dort irgendwie verschwinde, wie sie es androhten.  Angst, es nicht zu jenen Menschen zu schaffen, bei denen ich Unterschlupf finden sollte, würden sie meine Mutter holen.Wie viele Stunden saß ich auf dem Balkon bei jedem Wetter, die Straße im Blick, die sie hoch kommen würde, um in der Gewissheit, wieder einen Tag zusammen geschafft zu haben, schlafen zu können. Der sozialistische Gang. Die Hilflosigkeit eines Kindes, das nie einen Ausweg finden wird, keine Unbeschwertheit kennt. Der sozialistische Gang. Ja, wir hatten Glück, man hat uns am Ende nicht getrennt. Wir hatten großes Glück. Und dennoch...

Der sozialistische Gang, er ist kein lustiger, nicht witzig und nicht "ach, es war doch alles nicht so schlimm" und erst recht nicht "hättet Ihr Euch mehr angepasst, wäre nie was gewesen". Anpassen in Diktaturen. Ein deutsches Schema? Nein, ich will keinen sozialistischen Gang, nicht früher, nicht heute auch nicht in Zukunft und ich will es nicht mehr hören müssen. Denn dieser Gang war nicht meiner. Er war eine Bedrohung, die ihre Dunkelheit bis heute nicht verloren hat. 

Die Bücher einer Reise

Ich war weg. Ich musste weg. Es war kein gutes Jahr, keines, an das man sich erinnern möchte. Es war Zeit, eine Auszeit zu nehmen, von allem. Und es gelang. Es war der erste Urlaub seit Jahren, in dem ich das Telefon abschalten konnte, keine Mails las und überhaupt länger weg sein konnte. Es war ein kleines Wunder. Das Wunder sollte mit anderem gefüllt werden, für das kaum Zeit blieb: lesen. Und somit hier meine gelesenen Bücher des Urlaubs.

Die Tage nach dem Sommer

Es ist wie jedes Jahr, wenn die Stadt sich wieder mit ihren Bewohnern füllt, wenn die Parkplätze voll und die Parkbänke leer sind. Berlin kehrt zum Leben zurück und fast scheint es wie eine Neugeburt an der man aber nicht teil hat, weil man doch selbst die Schwangerschaft nicht hatte, sondern hier blieb, das Leben weiter lebte und die Ruhe des Sommers genoss. 

Dass der Sommer in Berlin vorbei ist, merkt man nicht am Wetter. Denn dieses ist in diesem Jahr zum Verlieben. Ja, ich liebe Hitze, ja, ich liebe die Sonne, die Wärme und das Leben auf der Straße. Ja, ich bin nicht für das Wetter in Berlin gemacht. Dass der Sommer vorbei ist, merkt man nicht nur an den volleren Bussen, an den verstopften Straßen. Man merkt es daran, dass das Telefon fast nicht still steht, dass alle Firmen plötzlich ihre Aufträge erfüllen wollen oder selbige erteilen. Man merkt es daran, dass in Berlin Ausstellungen fast im täglichen Rhythmus eröffnet werden, Vorträge gehalten und Konferenzen angekündigt werden. Ganz so, dass man das jetzt noch schnell alles machen muss, mit dieses grauschlammigdunkle Ungetüm Winter über die Stadt hereinbricht, oder trotzdem oder überhaupt. Hauptsache alles noch schnell gemacht, das Tageslicht einfangen, alle auf einmal. Alle gleich. Alle sofort. Und alle "ich weiß, dass es kurzfristig ist, aber". 

Die, die den Sommer hier verbrachten haben diese Energie, diesen Hunger womöglich nicht. Sie sind noch im langsamen gemütlichen Rhythmus der Stadt, die sie vielleicht gerade dann lieben, wenn sie nicht als Schlagzeile HIP trägt, wenn sie sich selbst zu entspannen scheint. Es wird geschoben und gedrückt. Am Tempo muss doch was zu machen sein - und es wird gemacht. So, dass der Punkt erreicht ist, dass sich alle Zurückgekommenen wieder wohlfühlen, weil Stadt doch so sein muss. 

Und ich? Ich hatte eben diese Sommerstadt, die ich liebe. Die Stadt, die mich dann wieder einfängt, wenn ich doch so oft mit ihr hadere. Deren Entwicklung mir Angst macht und von der ich weiß, dass ich sie eines Tages für immer verlassen werde, verlassen muss. Dann, wenn sie nicht mal mehr im Sommer meine Stadt ist, dann wird der Moment gekommen sein. 

Jetzt aber sind es die Tage des Angleichens, des Mitrennens, um noch schnell alles zu schaffen, bevor es eine Pause gibt, für mich, von der Stadt. Eine Pause weg. Die Bücher sind gepackt und wenn der Sommer hier endgültig auch meteorologisch Abschied hält, fahre ich ihm hinterher. Es wird wunderbar.


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Wähle Deine Worte weise - oder, welche Information ist wirklich wichtig?

Vor einigen Wochen erzählte ein Kollege von einer missglückte Waschmaschinenreparatur, wie es so viele gibt, genauer, die Firma, die er rief war offensichtlich keine sonderlich vertrauenerweckende. Die Information, die er weiter gab war, dass der junge Mann, der zur Erstbesichtigung augenscheinlich nicht "biodeutscher" Herkunft war. 

Eine Kollegin fragte, was diese Information zur Sache täte. Er stutzte und sagte, gar nichts. Denn in der Tat, das tut sie nicht. 
Eine Dokumentation über den Zoll an deutschen Flughäfen. Eine Familie, die zu Besuch bei Verwandten in Vietnam war wird kontrolliert, man findet einiges, was hier nicht zugelassen ist. Die Stimme aus dem Off spricht immer wieder von der "vietnamesischen Familie", die Pässe, die die Zollbeamtin während der Bearbeitung in der Hand hat, sind durchweg deutsche weinrote Papiere. Eine Traumatherapeutin wird zu ihrer Arbeit mit Geflüchteten interviewt. Im gedruckten Interview steht, dass sie jüdisch ist. Der neue Freund der Nichte ist eine Urlaubsliebe, das einzige, was man in der Verwandtschaft mitteilt ist, dass er schwarz ist. Der Moderator, der nach einem Interview die Speicherkarte mit dem Interview abgenommen bekommt, macht auf diesen Eingriff aufmerksam. In Berichten von von dem jüdischen Journalisten gesprochen. 

Ich frage mich, was haben diese Informationen von möglicher Herkunft, z.T. auch nur Mutmaßungen mit dem eigentlichen Inhalt der Information zu tun? Vielleicht sollten wir uns selbst hinterfragen, was wir damit tun, in dem wir hier eine Schubladeneinordnung vorwegnehmen, ohne, dass wir wissen, wie das Gegenüber einordnet. Natürlich wird die Traumatherapeutin einen völlig anderen Ansatz haben und natürlich wird sie nicht mit muslimischen Geflüchteten arbeiten können, das geht ja nicht. Natürlich wird der Journalist per se Vorurteile haben. Natürlich arbeitet der Waschmaschinenservice schlecht, weil er "südländische" Wurzeln hat. Natürlich wird der Mann der Nichte ein niedriges Bildungsniveau haben. Natürlich würde eine herkunftsdeutsche Familie keine Pflanzen inklusive Wurzeln nach Deutschland einführen. Natürlich sind die, die einen rein unbunten Stammbaum haben, lupenrein, machen nie Fehler und sind völlig unvoreingenommen. Machen wir uns doch nichts vor! Es spielt keine Rolle. Die Information, die wir damit vermitteln, hat eine, wenn auch vielleicht unbewusste manchmal aber auch bewusste Zielsetzung. 

Spielt es eine Rolle, dass ich polnische Nachbarn habe? Reicht nicht die Information, dass die Jungs einfach die besten Nachbarn sind, die man sich wünschen kann? Das einzige, was relevant ist, dass die Großmutter ziemlich leckere und ganz andere saure Gurken macht. Aber hey, meine Großtante machte die unübertroffensten Senfgurken überhaupt. Spielte das Jüdische da eine Rolle? Wir sollten uns selbst überprüfen und überlegen, was wir sagen, wie wir es sagen. Sind manche Informationen wirklich relevant und wenn ja, warum? Man kann es trainieren. Und so im kleinen vielleicht anfangen, das zu bekämpfen, was immer mehr zum Problem zu werden scheint: das Ausgrenzen, Abgrenzen voneinander. Wir kreiseln uns ein und andere aus. Wir vermitteln und leben ein wir, Ihr nicht. Wir takten Menschen, manchmal auch wohlgemeint, ein in Gruppen, in denen sie sich vielleicht selbst gar nicht verorten. Und wir sind doch alle so viel mehr als diese eine kleine Eigenschaft, auf die man uns versucht zu reduzieren. 

Sprache ist sensibel, mit Sprache steuern wir, mit Sprache wurden wir gesteuert und wir werden gesteuert. Sie kann manipulieren und wird täglich dafür genutzt, ohne, dass wir uns dessen unbedingt bewusst sind. Herrscharen von Textern werden beschäftigt, um uns das eine oder andere schmackhaft zu machen, uns zu vermitteln, dass ein Leben ohne dieses Produkt nicht lebenswert ist. Parteien werben mit Worthülsen um die Gunst der Wähler, Demagogen fangen ihre Gefolgschaft. Sprache ist die gewaltigste und gefährlichste Waffe, die der Mensch hat und wir haben das Glück einer wunderschönen wortreichen Sprache, die aber auch so brutal sein kann. Nutzen wir sie weise. Achten wir darauf, welche Worte wir wählen, was wir sagen. Heute mehr denn je. 

Und vielleicht, ganz vielleicht hilft auch die Lektüre der LTI. Das kleine Buch, dass mir als Teenager in die Hand gedrückt wurde, dass meine Sicht auf Sprache für immer veränderte. Wer nicht gern liest, der möge in das wunderbare Hörspiel des Kulturradios zur LTI reinhören. Oder, wer es aktueller mach, sei immer wieder ein Blick ins Sprachlog empfohlen.

Achten wir mehr darauf, was wir sagen. Versuchen wir eine Ahnung davon zu bekommen, wie wir Menschen wegsortieren, verletzten, ausgrenzen. Alles mit Worten. Hören wir auf damit. Im Kleinen liegt der Beginn. Wähle Deine Worte weise, sagte die Tante mit den Senfgurken immer. Sie wusste noch, wovon sie sprach und sie hatte nicht vergessen, was Sprache anrichten kann. 




Der Angetraute der Nichte stellte sich im übrigen als hochgebildeter, charmanter junger Mann heraus. Warum sollst hätte sie sich auch sonst verlieben sollen. Massel tov den beiden vor allem zum Nachwuchs. Die Traumatherapeutin verdreht ob der Einordnung die Augen und hakt es ab. Und der Journalist? Es ist ein Skandal, was dort passiert ist. Sein Jüdischsein hat herzlich damit zu tun. Man muss ihn auch nicht mögen und kann ihn ablehnen, aber auch das hat mit dem Judentum nichts zu tun, nur wird er immer wieder darauf reduziert.



photo credit: Words via photopin (license)

irgendwie oft gelesen

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