Das Staatliche Museum für Ägyptische Kunst München

Ein Tag in München. Eine Museumsliste für München. Nach der Pinakothek der Moderne machte ich mich auf den Weg zum Museum für Ägyptische Kunst. Im letzten Jahr hörte ich Dr. Sylvia Schoske, Direktorin des Hauses, zum Neubau und dessen Einrichtung sprechen. Man ging andere Wege und sie wurde nicht müde, das zu betonen. Dennoch, meine Neugier war geweckt.

Schabbat - oder eine Auszeit für das Schöne

 the 4th Commandment on Nash Papyrus "Remember the Sabbath" row 9, words 5-8. in Hebrew script: "zahor et yom ha'shabat". similar to Exodus 20:7 Egypt, 2nd century CE עברית: הדיבר הרביעי מעשרת הדברות בפפירוס נאש, "זכור את יום השבת"
Gleich vorweg. Dies wird kein Text zum Thema Schabbat. Was man darf, was man nicht darf. Wie wer etwas auslegt. Das wäre sicherlich spannend, nur zu anderer Zeit. 
Ich möchte über das sprechen, was uns immer mehr fehlt, von dem aber so viele sprechen: Entschleunigung.

Ich bin nicht sonderlich traditionell, eigentlich gar nicht mehr. Ich halte keinen Schabbat, habe es eigentlich kaum in meinem Leben, da ich durch die äußeren Umstände daran gehindert wurde. Kurz: ich musst arbeiten. Unabhängig von den Wochen- und Feiertagen. Das Thema beschäftigt mich schon länger, immer wieder mache ich mir Gedanken dazu und ein klein wenig spielt vielleicht das schlechte Gewissen mit.(?) 

Schauen wir doch einfach mal auf die Geschichte des Schabbat. Die Herkunft (historisch betrachtet) ist unbekannt. Die ersten Zeugnisse gibt es um 800 v.d.Z.. Es gab keine regelmäßigen Ruhetage für das Haus. Nicht für Mensch, nicht für Tier, nicht für Sklaven. Und dann kommt da so ein Volk daher und meint, jeder siebte Tag soll ein Ruhetag für alle sein. Revolution! Auch, wenn diese Tage im Kampf gegen die Assyrer, Ptolemäer, Antiochos nicht so sehr hilfreich waren, auch die Römer versuchten es am Schabbat. Dieses Volk war bekannt dafür, dass es an diesem Tag nicht kämpte. Dass das allerdings schon mit Matathias vorbei war und später Juden an einem Schabbat die Römer angriffen ist eine die spannende Geschichte der Gesetzesentwicklungen im Judentum. Man lernt eben irgendwann.

Heute halten wir es für selbstverständlich, dass es Wochenenden gibt. Die Ursprünge und Besonderheit dieser Idee sind nur wenigen bewusst. Vielleicht noch jenen, die eben keine freien Tage ein Mal wöchentlich haben können. Sie ahnen, welches Geschenk es ist, das beiliebe nicht jeder hat. Auch hier in diesem Land nicht. Heute werden diese freien Tage, Wochenenden, zu Einkaufstagen, Putztagen, Wäschetagen. Alles, was man unter der Woche nicht schafft. Und es macht uns krank. Wir haben eben jene Erholung nicht mehr, die doch eigentlich die Idee des Schabbat war. Es gibt Gründe, warum die verbotenen Arbeiten so festgeschrieben wurden, so rigoros erscheinen. Irgendwo muss man anfangen, irgendwie muss man die Menschen ausbremsen - sie selbst tun es so selten.

Und warum ich für einen bewussten Schabbat, Sabbat, Sonntag plädiere? Es ist egal, an welchem Tag der Woche er ist. Der Rabbi sagte einmal und ich habe es noch immer im Ohr: 
Schabbat ist, wenn man Schabbat macht.

Halte ich die verbotenen Arbeiten? Nein, definitiv nicht. Halte ich mich an den Grundsatz Schabbat? Hmm. Ich beobachte Veränderungen an mir. Veränderungen, die es ich in dieser ständigen Reizüberflutung dieser Welt brauche: ich schalte das Telefon aus. Komplet. Ich muss nicht erreichbar sein. Nicht permanent. Ich will es nicht und es ist auch nicht nötig. Es führte bereits zu Diskussionen und Unverständnis. Ich bleibe dabei. Es tut mir gut. Ich arbeite konsequent nicht. Gerade für jene, die auch frei arbeiten, ist das wohl der schwierigste Part. Für mich auch. Die Arbeit wird nicht weniger. Dennoch. Nach etwas Überwindung habe ich erkannt, dass es auch nicht mehr Arbeit wird, wenn ich sie an einem anderen Tag mache. Was also mache ich noch an "meinem" Schabbat? Ich putze nicht, ich mache keine Wäsche. Das E-Mail-Fach bleibt geschlossen. Push-Nachrichten habe ich schon lang ausgeschaltet.  Ich lese schöne Dinge. Schlafe. Schreibe Briefe an liebe Menschen. Ja, ich schreibe. Briefe an Menschen, die mir wichtig sind, für die ich mir Zeit nehmen möchte. Ich lese in Blogs, über die ich nicht nur fliegen will. Ich nehme mir schlicht Zeit für die schönen Dinge. Ein Luxus. Eine Auszeit für das Schöne. 

Schabbat Schalom - שבת שלום




Und wieder geht einer und hat nicht alles sagen können. Zum Tod von Roger Willemsen

Es war Mitte der 90er Jahre, als ich Roger Willemsen entdeckte. Die Melodie seiner "Willemsens Woche", mit der ich Lernen, Neugier, Lebensfreude verknüpfe, eben mit Roger Willemsen. Ich hing am Fernseher, an seinen Lippen und am nächsten morgen fanden sich im Jahrgang drei vier zusammen, die sich austauschten. Die Außenseiter eben.

Willemsen trug ein großes Stück dazu bei, zu wissen, dass es ok war, Bücher mehr zu lieben als Klamotten, dass es gut war zu lesen, ins Theater, Museum zu gehen, statt sich den Kopf auf allwöchentlichen Partys wegzutrinken. Er hat mich an Themen geführt, die ich bis dato nicht kannte, die mir zu weit weg von meiner Realität erschienen und zeigte mir, dass es nicht so ist. Er war der Grund, warum ich im Studium als im SG Philosophie wählte.

Roger Willemsen ist eine Konstante in meinem Buchregal. Zum letzten Geburtstag blieb es leer, ohne ihn. Er hatte nicht mehr geschrieben. Ich schätze, nein liebe seine Sprache, die so voller Poesie ist, ohne Poesie sein zu müssen. Willemsen schrieb einen Stil, der heute seinesgleichen sucht. Ich liebe seine Beobachtungen, seine kleinen Projekte und vor allem liebe ich seine Liebe zu den Menschen, seine Offenheit und Neugier, seine Herzlichkeit.

Ich erinnere mich noch an eine der schönsten Lesungen mit ihm: Brehms Tierleben im Aquarium Berlin. Es war einer der schönsten Abende, so voller Humor und liebe zum Buch zu den Texten. Ihm ist es gelungen, dem alten Brehm wieder Leben einzuhauchen. Ein anderes seiner Bücher, dass mir sehr am Herzen liegt, das kaum bekannt geworden ist, wir mir scheint ist:  Es war einmal oder nicht: Afghanische Kinder und ihre Welt. Seine Hörbücher, die er selbst einsprach sind die einzigen, die ich hörte, auf langen Flügen, in den Wartehallen dazwischen. Seine Stimme ist Reisebegleitung, noch immer und immer wieder. 

Danke Herr Willemsen, dass Sie mich haben schmunzeln, mich an die Schönheit der Deutschen Sprache glauben lassen, dass Sie mir beibrachten, dass man Menschen manchmal einfach etwas kitzeln muss, damit sie ihre Geschichten erzählen. Danke für Ihren Humor und Ihre Melancholie. Sie werden mir fehlen. Sehr.






Bild: Smalltown Boy at the German language Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Verspäteter Podcast: Tu B'Schwat - Das Neujahrsfest der Bäume

Manchmal nimmt man sich etwas vor und dann klappt es doch nicht. In diesem Fall mein Vorhaben, vor anstehenden Feiertagen etwas darüber zu erzählen. So erzähle ich jetzt erst kurz von Tu B'Schwat, dem Neujahrsfest der Bäume, das gerade vergangen ist.

Am vergangenen Sonntag konnte man einige Posts im Internet sehen, in denen Leute Bäume gepflanzt haben - das war das Neujahrsfest der Bäume. Was es damit auf sich hat, erzähle ich in fünf Minuten im neuen Podcast. Viel Spaß dabei.






Lied: "Tu B'shevat song - Groundhog Noses - Leon" by Carol Boyd Leon


#Spurenleser mit Johanna Diehl, Pinakothek der Moderne

Ein Tag München. Ganz ohne Verpflichtungen. Einfach nur Zeit. Meine Museumsliste stand. Viel kann man nicht schaffen an einem Tag, aber ich freute mich darauf. Ein Museum kam noch auf dem Weg in der Bahn hinzu, davon möchte ich hier berichten. 

Im Zug nach München stolperte ich über einen Tweet der Pinakotheken:



Die Pinakotheken mit dem Jüdischen Museum? Ich folgte dem Link und gelange zur Ausstellungsbeschreibung "Johanna Diehl: Ukraine Series" . Spannend, dazu noch ein Tweetwalk zu den Spuren jüdischen Lebens in München. Leider werde ich nicht mehr da sein. Die Pinakotheken reagierten auf mein Bedauern. Die Ausstellung ist ja trotzdem da, also nichts wie hin - sogar mit Freikarte. Danke nochmal an dieser Stelle! 

Johanna Diehls Arbeiten zeigen ehemalige Synagogen in der Ukraine in ihrer heutigen Funktion, oder Nichtfunktion. Sie sind Turnhallen, Geschäfte, Sitzungssäle oder stehen leer. Ein Spiegel jüdischen Lebens. Ja, es ist bedauerlich, aber es ist wie es ist. Vielleicht nennt man das einfach Leben. Es sind Räume, die durch die Nutzung erhalten werden, z.T. erkennt man ihre alten Strukturen. Wer träumt mag daran denken, sie einst wieder umzuwidmen, als Synagogen, Gemeindezentren. Wer träumt...
Wir leben hier in einem Land, in dem Synagogen gebaut und mit großen Gesten eröffnet werden. Doch wie lange werden wir sie brauchen - in dieser Größe? Es ist nun einmal so, Dinge verändern sich, Kirchen werden zu Synagogen, Synagogen zu Turnhallen...Die Spuren und die Geschichten bleiben erhalten. 

Das Thema, das Diehl wählte, ist kein neues. Gibt es richliche Publikationen ähnlicher Art. Allerdings sind sie in meiner Erinnerung immer schwarz-weiß. Diehls Arbeiten bersten vor Farbe, vor Schärfe. Sie sind mehr als Dokumentation. Mehr gibt es im Katalog zu sehen, denn die zwei ihr zugestandenen Räume machen Neugier auf mehr. 

In jedem Fall einen Besuch wert. Bis zum 6. März kann man sie sehen. Wer in München ist: #Spureleser werden, am 7. Februar ist es soweit. Ich bin gespannt und werde mitlesen.

Als derTroll aus seiner Höhle kam - Ein Wuttext

Der Troll, ein Phänomen des Internets, der zunächst gefüttert und gestärkt als Kommentator von Zeitungen, in Foren, auf Facebook, Twitter und Co. unterwegs ist hat seine Höhle verlassen. Wir finden ihn heute Montags auf den Straßen dieses Landes und weiter ungebremst, sich gegenseitig verstärkend dort im Netz. Endlich gesehen, endlich gehört werden, endlich wer sein. Das Selbstmitleid in Hass gewandelt. So meine These.

Die FAZ fragte 2014, was einen Troll zu seinem Tun treibt. Warum der Hass im Netz, wozu das Ganze? Der Interviewte sagt:

Gesehen werden, gehört werden, wichtig sein - egal für was. Es spielt keine Rolle.

Ich bin das Selbstmitleid leid. Das Leben ist nicht gerecht. Das Leben ist hart, für einen mehr als für den anderen. Ich kann es nicht mehr hören, das "ich habe das nicht bekommen vom Leben, also hacke ich auf den ein, der schwächer ist als ich, dann fühle ich mich stärker, dann bin ich wer." Ein Lied gesunden auf vielerlei Arten: Schulhöfe, Firmen, Religionen, Gesellschaften.

Verdammt noch mal, reißt Euch zusammen. Niemand kann Euer Leben besser machen, es liegt nicht am Chef, nicht am Amt, nicht an der Beziehung. Es liegt allein an Euch. Ihr beschwert Euch, schlecht behandelt zu werden und macht es doch selbst. Hass macht nicht glücklich, machte es noch nie. Er führt immer zu Leid. Eine Teufelsspirale, die Ihr sich immer schneller drehen lasst mit Eurem Pegida, brennenden Flüchtlingsheimen, Hassparteien. Und nein, nicht nur die, die Ihr zu hassen meint, gehen in dieser Spirale unter, alle drehen sich darin dem Abgrund entgegen, vor allem Ihr selbst. Ihr kommt da nicht mehr raus - auch, wenn Ihr denkt, dass jetzt im Aufschwung seid. Schaut in die Geschichte, Hass gewinnt nicht. Er schlägt auf Euch zurück. 

Der Troll, der vor Jahren nur im Internet wütete und so leicht weggeschaltet werden konnte, er ist nun da draußen auf der Straße, getraut sich, seinen Dreck offen auszuspucken und lässt ein Bild der Gesellschaft entstehen, zu dem man nur noch Max Liebermann zitieren möchte: 

"Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte."

Das Land der vermeintlich Ungesehenen, Ungehörten, die sich nun (wieder) Luft machen "dürfen" und können. Die Reaktionen zunächst Amüsement, sich lächerlich machen, das geht schon wieder weg, "die Witzfiguren". Und nun? Der große Schreck. Und man wundert sich, wo alle waren, als sie Geschichtsunterricht hatten.

Nein, es ist kein neues Phänomen, keine Erfindung der Gegenwart. Wir hatten das alles schon mal, es führte zu Diktaturen. Und es erfüllt mich mit Wut. Und ich empfinde Wut auf dieses Gejammere. Diese Einstellung, dass immer die Anderen etwas ändern müssten, man (sich) selbst aber nicht. Dieses Suhlen im Selbstmitleid ohne einmal zu sehen, welches Glück wir haben in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen, welche Freiheiten wir haben, welchen Reichtum. Und ich bin wütend auf die Gründe für diese Gefühle, die Gefühle der Minderwertigkeit, wütend auf Ignoranz. Ich bin wütend auf dieses Hierarchiegebuckele, das zu nichts führt, auf Titelsucht, fehlende Wertschätzungen, Unmöglichkeit von Augenhöhe. Ich bin wütend, dass die Herkunft und Berufe der Eltern noch immer darüber entscheiden, wie weit man selbst kommt im Leben, in der Schulwahl nicht frei ist. Ich bin wütend auf das Land, in dem ein Name, ein Titel mehr zählt als Können. Ich glaubte das längst überwunden. Ich irrte. Und ich bin wütend auf Eltern, die ihren Kindern von klein auf beibringen, dass sie keine Chancen hätten. Vererbte vergebene Leben.

Der Troll, der wieder besseres Wissens, herangezüchtet, er ist nun wieder auf der Straße und wird sich bald in den Parlamenten wiederfinden. Gewählt von anderen Trollen. Er reflektiert nicht, er schwimmt auf der Welle des Hasses und fühlt sich groß, wird er doch endlich wahrgenommen. Dieses Mal muss er gestoppt werden, denn er wird sich nicht auflösen, nicht von selbst. 



Don't feed the troll!




photo credit: Caution Troll Ahead via photopin (license)

Wenn 400 Zeichen zu wenig sind: Juden in Deutschland

Als Patrick Gensing mich gestern bat, die Frage, ob Juden in Deutschland sicher seien, zu kommentieren, hätte ich soviel sagen wollen und können. Es sprudelte aus mir in Gedanken, seit Sommer 2014, dem Wendepunkt in diesem meinem Heimatland für mich. 400 Zeichen ca. hatte Patrick dafür. Viel sagen kann man damit nicht. Also hier nun eine ausführlichere Version, die schon länger in meinem Kopf schwirrt. Ein Versuch des Sortierens.


Ich beobachte vor allem die Wortwahl und frage mich, ob man hier nicht schon ansetzen könnte.

Von Verpflichtungen

Ich lese und höre von "Verpflichtung dem jüdischen Volk gegenüber. Deutschland hätte die Pflicht. Die Deutschen seien auf immer verpflichtet, den Juden und Israel zur Seite zu stehen..."
Für mich persönlich hat das einen Beigeschmack, der mir nicht gefällt. Pflicht birgt Zwang in sich. Zwang ruft nicht selten Abwehr hervor. Warum spricht man eigentlich nicht davon, dass es ihm ein Anliegen sei, dass Juden (Flüchtlinge, Sinti, Roma, etc.) wieder gern in Deutschland leben, sich hier sicher und willkommen fühlen. Ich mag sie nicht, diese Pflicht, diese durch das offizielle Deutschland ausgerufene Pflicht, die doch oft genug den Juden selbst vorgeworfen wird. "Wir" würden das verlangen, "wir" würden die "Deutschen" nicht in Ruhe leben lassen, weil wir sonst Ärger machten. Nur verlangen nicht. Ich plädiere für einen Wortwechsel, auch innerlich. Worte können soviel ändern. 

Dankbarkeit 

Jeder Jude wird es mindestens einmal erlebt haben: den wohlwollend meinenden Schulmeister, der belehren will. Der nicht merkt, wie tief in ihm die Vorurteile sitzen, der es natürlich immer weit von sich weisen wird. Er meint es ja nur gut mit dem bockigen Juden. Seit Luther geht das so. "Der Jude" soll dankbar sein, ist er es nicht, entspricht er nicht dem Bild, das man sich von ihm machte, wird es problematisch. Dass ich Philosemiten in der Tat oft problematischer finde, als Antisemiten, wird selten verstanden. So erinnere ich mich z.B. an Zuschriften ans Jüdische Museum, in denen sich Besucher über Kleinigkeiten beschwerten. An sich kein Problem, nur beendeten sie gern ihre Zuschriften in der Art: "Wir schreiben Ihnen das nur, weil Sie, so Sie das nicht beheben, sich nicht wundern sollten, wenn Juden (nicht das Museum oder die Mitarbeiter) so gehasst werden." Warum jetzt alle Juden dafür haften sollen, dass jemand seine regennasse Jacke an der kostenlosen Garderobe abgeben soll, erschließt sich mir nicht. Außer, dass hier jemand mit zweierlei Maß misst. Juden im Ganzen sollen dankbar sein, dafür, dass man sie über ihre Fehler belehrt. Leider kein Einzelfall...sondern Alltag, diese Belehrungen zu unserem vermeintlich Besten. 

Das Innen und das Außen

Im vergangenen Jahr hatte ich die Chance bei einer Bloggerkonferenz gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung teilnehmen zu dürfen. Es sollte konkret um Möglichkeiten gehen, die man im Netz nutzen kann. Leider entwickelte sich die Konferenz etwas anders als ich (und ich glaube auch die Veranstalter) es sich erhofften. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland. Zum Teil spürten sie Antisemitische Äußerungen auf Facebook auf, zeigten diese an, Veröffentlichten in der Presse Artikel über antisemitische Übergriffe... Mit Anzeigenzahlen im mehrtausender Bereich rühmte man sich. Menschen, die wie es den Anschein machte, ihre eigene Sicherheit aufs Spiel setzten, um gegen den Hass anzukämpfen. Zwei Juden waren wir unter den Teilnehmern, die beide, was mich sehr freute, der Ansicht waren und sind, dass man viel mit Humor und mit tatsächlicher Präsenz ändern kann. Ich weiß, dass das für Leser, die erst seit den letzten Monaten hier lesen nicht den Anschein macht, zuviel Schmerz steckt in meinen Texten. Im Grunde bin ich humorvoll. Vielleicht kann man auch nicht anders, ist man im Alltag mit Hass konfrontiert. Das betrifft übrigens auch z.B. Gedenkstättenmitarbeiter. Man entwickelt einen eigenen Humor. Nun, wir zwei dort schienen die einzigen zu sein. Ich glaube, man verstand uns nicht.
Was wirklich schade war an dieser Konferenz: es fanden keine wirklichen Gespräche statt. Niemand fragte, wie es sich anfühlt, wenn Dir jemand ins Gesicht sagt, Du sollst in Deine Heimat (wo auch immer das sein soll) verschwinden, wenn Dir jemand sagt, dass das Werk Hitlers demnächst vollendet wird und Du dann endlich in Rauch aufgehen würdest. Niemand fragte nach dem "Innen". Zuviel Zeit wurde aufgewandt einen kurzzeitig durch die Stiftung initiierte Antisemitismusbot auf Twitter auseinander zu nehmen. Zeit für Gespräche: Fehlanzeige.
Ich hatte den Eindruck, dass das Thema des Kampfes für die Aktivisten austauschbar wäre. Es ging nicht wirklich um "die Sache" an sich, es ging nicht um die Menschen hinter dem Wort Jude. Es ging darum, dass man einen Kampf führt. Möglichst gefährlich (wehe ein Foto würde gemacht)...nur wir, die wir genau genommen wirklich gefährdet wären, wir versteckten uns nicht. Es waren Tage, die mich nachdenklich stimmten.
Später dann, als ich Gast in einer Gemeinde in Schöneberg war und etwas von meinem Leben, Gedanken und auch Sorgen erzählte, ging ich mit einer Teilnehmerin im Anschluss noch ein Stück zu Fuß. Wir verabschiedeten und herzlich. Sie sagte mir, dass sie eine neue Perspektive gewonnen habe. Sie hätte bis dahin nie an das Innen gedacht, z.B. wie es sich leben lässt, wenn man sich darüber Gedanken macht, wohin man fliehen könnte. 

Erlebnisse wie diese zeigen mir, dass wir eben doch nicht gesehen werden, dass wir mehr von uns und was uns bewegt erzählen sollten, darüber schreiben, reden, mit unseren Freunden und Kollegen. Vieles ist einfach nicht gewahr. 


Empathie

Was ich vermisse dieser Tage, Wochen, Monate ist Empathie. Ich frage mich, was ist los mit diesem Land, dass das Einfühlen in andere Menschen so schwierig geworden ist. Was ist daran so schwer, zu verstehen, wie dramatisch eine Flucht ist, was man aufgeben muss. Kann man es sich tatsächlich nicht vorstellen, wie es wäre, hier alles stehen und liegen zu lassen, die Familie, Freunde zu verlassen und ins Ungewisse zu gehen? Ist es denn wirklich so schwer zu verstehen, dass man einfach auch nur ein normaler Mensch sein will, dass man nicht durch Stufen an seiner Fortbewegung gehindert werden sollte? Dass man keine seltsamen Reaktionen und diese unerträgliche Stille in der man das gedankliche Arbeiten hinter der Stirn des Gegenübers erleben will, wenn man sagt, dass man eben z.B. Weihnachten nicht feiert? Begeben Sie sich doch einmal in Gedanken in eine andere Position, wechseln Sie die Sichtweise. Es kann helfen. Und so schwer ist es nicht. Und lassen Sie uns bitte endlich lauter sein als diese Menschen voller Hass. Lassen Sie uns zeigen, dass dieses Deutschland ein Land ist, auf dessen Menschen man stolz sein kann. Es liegt allein an uns. 2006 hat es doch auch geklappt. Wir müssen diese Welt zu einem Paradies machen, die sie doch sein könnte. So schwer ist es nicht. Fangen wir im Kleinen an. 



Danke an Patrick, dass er fragte. Auch, wenn ich gern eine andere Antwort gegeben hätte. Vielleicht schaffen wir es ja, dass mein Optimismus, dass das nur eine Phase ist, Recht hat.

Der gescheiterte Traum vom Lernen aus der Geschichte

Als Charlotte Knobloch vor Jahren einmal meinen Arbeitsplatz besuchte, sagte sie irgendwann, ganz still und bedacht, sie fände gut, was wir dort machten, nur glaube sie, es sei verlorene Liebesmüh. Ich muss oft daran denken. Glaube damals, dass sie zuviel schlechtes sehen musste und den Glauben an die Menschen verloren hatte. 

Dieser Tage gehen mir ihre Worte oft durch den Kopf. Ich werde oft gefragt, ob denn auch "recht viele junge Leute kämen, denn das sei ja wichtig". An allen Orten, an denen ich arbeitete ergänze ich meine Antwort damit, dass ich denke, dass "die Jugend" nicht das Problem ist, vielmehr sind es jene, die meinen nichts lernen zu müssen, die meinen, alles zu wissen. Jene, die die Erkenntnis besitzen und über alles erhaben seien. Meine Antwort wird nicht gern gehört. Vielleicht aber, wenn man in den nun zurückliegenden Monaten hinaus schaute, begreift man, was ich meine: nichts wurde gelernt, nichts. Das Gefühl der Resignation sucht sich Platz in mir, will mich verdrängen, will, dass ich kapituliere. Ich wäre nicht meiner Vorfahren Kind, würde ich es zulassen. Nur schwer ist es, so schwer, noch daran zu glauben, was ich tue, wofür ich arbeite, worin ich den Sinn meiner Arbeit sah und weiter suche zu sehen. 

Nein, ich glaube nicht mehr daran, dass gelernt wurde. Ich hingegen habe lernen müssen, dass es nicht so ist und ich wurde der Illusion beraubt, dass all das eine Frage des Unwissens ist. Das ist auch so und wir können versuchen, dagegen anzugehen, mit Fakten gegen die Bilderflut von Verschwörungsglauben, falschen Zitaten, erfundenen Geschichten der Geschichte in den sozialen Medien, die heute als zuverlässige Quelle gelten als alles sonst. Wir können und müssen weiter dagegen ankämpfen, in der Hoffnung, dass doch der eine oder andere ins Nachdenken gerät. Dass sie aufwachen aus ihrem Wahn.

Aber was ist mit jenen, die nicht so gern genommene Bild des ungebildeten Bürgers erfüllen? Was ist mit jenen, die es doch so sehr besser wissen müssten? Jenen, deren Beruf die Geschichte ist und die sich heute nicht entblöden, ihre kruden Weltvorstellungen zu postulieren? Die lehren dürfen, ohne Hindernis. Die analysieren, interpretieren, verstehen und erklären sollen, mit wissenschaftlicher Distanz, natürlich. Soviel Professionalität muss sein. Die aber unfähig sind, all das ins Heute zu übersetzen. Ich sehe es immer mehr: Distanz. Und ich frage mich, warum arbeiten Leute zu Themen, brisanter als je zuvor, wenn sie sie nicht anwenden? Was suchen sie auf Stellen, die geschaffen wurden, Wissen zu vermitteln, damit Fehler nicht wieder begangen werden, Katastrophen sich nicht wiederholen? 

Meine Illusion ist vorbei. Meine heile Welt, in der ich glaubte von manchem verschont zu bleiben. Nein, aus der Geschichte wurde nicht gelernt, wenn selbst die, die sie aufs genaueste kennen, sich äußern wie jene, die Weltenbrände verursachten. Wenn Menschen, die die größten Fluchten des letzten Jahrhunderts betrachteten, deuteten, die wissen, warum und wieso Menschen fliehen, welche Traumata es hinterlässt, wenn die von sich geben, dass man die Grenzen schließen soll. Wie soll man diesen noch Worte aus ihrem Mund glauben, darüber, dass all das nie wieder geschehen dürfe, all das Leid, von dem Mittel- und Westeuropa so lang nun schon verschont war und das jetzt als Menschen zu uns kommt, Schutz suchend. Wenn das "Nie wieder" eben nicht für heute gelten soll?

Auch an die Nonne, die nicht daran glaubte, dass heute noch geholfen werden würde, wie es die "Stillen Helden" taten muss ich oft denken. An Chajm mit seinem Hawaiibild von Deutschland. Der Vulkan raucht nicht nur, Chajm, es gibt Risse in der Kruste, Lava, laut und wütend glühend. 

Ich tauche immer tiefer in die Alte Geschichte, um nicht immer die Parallelen sehen zu müssen im Heute zu jener, in der ich arbeite, um nicht zu verzweifeln im Angesicht dessen, was da draußen passiert. Aber auch da. Nein, die Menschen lernen nicht. Es ist vergeblich. 


Und morgen? Morgen werde ich aufstehen, zur Arbeit gehen und meinen Teil dazu beitragen, dass doch ein paar lernen werden, sie zumindest die Chance bekommen, Wissensdurst stillen...Antworten auf Fragen finden, Fragen finden. Und weitermachen, einfach weitermachen. Vielleicht kommt die Hoffnung wieder - irgendwann. Ich bin das Kind meiner Vorfahren.



photo credit: Statements of incomplete knowledge via photopin (license)

Wenn ein Schulname Geschichte erzählt - Joseph Schmidt

Es ist schwer für mich dieser Tage, Geschichten zu erzählen. Vielleicht nicht nur dieser Tage, dieser Zeit wäre der bessere Begriff. Ich ringe mit mir, will nicht immer negativ sein, negativ erscheinen und schreibe dann lieber nicht. 
Dann laufe ich die Straße entlang, in Gedanken bei den Dingen, die ich gerade erfuhr und sehe im Wintergrau ein buntes Gebäude: die Joseph-Schmidt-Musikschule.

Warum die Versetzung Richard C. Schneiders ein Fehler ist

Nicosia 3 April 2008 06Richard C. Schneider ist sicherlich nicht nur für mich, eine Art Fels in der Brandung der Unsicherheiten, der Unwissenden, der aber immer alles Besserwissenden, der selbsternannten Experten. Dieser Fels soll jetzt weg aus Israel, aus diesem Land, über das so viele mehr Bescheid zu wissen, als vermutlich nirgends sonst - und vermutlich mindestens so viele falsch liegen. Denn das ist die Crux. 

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