Vorgeschnuppert: Die #GELDausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz

Denkt man an archäologische Museen, denkt man gewöhnlich an Pfeilspitzen, ein paar Scherben, im südlichen Raum an römische Ruinen. Irgendwie immer alles etwas dunkel, etwas alt und immer gleich. Mitnichten. Wir begeben uns auf einen Ausflug nach Chemnitz ins Staatliche Museum für Archäologie (smac). 

Der Hafen - Ende einer Reise

Der Hafen. Ankunft. Die See war ruhig, eine ruhige Fahrt wären nicht die lauten Kabinennachbarn gewesen. Aber nun endlich da. Die Menschen stehen bereit, das Schiff zu verlassen, können es ebensowenig erwarten, wie vor Stunden hinaufzugelangen. Die Rampe öffnet sich langsam, öffnet das Maul des Schiffes, während es sich nähert. Licht. Dächer. Schiffe. Zelte.

Buchbetrachtung: Rabbi Wolff und die Dinge des Lebens



Im April schrieb ich ueber den neuen Dokumentarfilm von Britta Wauer "Rabbi Wolff". Jetzt nun, vor meiner Reise kam das Buch "Rabbi Wolff und die Dinge des Lebens", in dem Britta Waurer einiges von dem zusammenstellte, was im Film keinen Platz mehr fand. 

Ein Voegelchen fliegt

Ich hatte so viele Gedanken, was ich schreiben wuerde, wenn dieser Moment kaeme. So viel, was in den letzten Wochen und Monaten passierte, so viele Emotionen....Jetzt ist er da dieser Moment, vor dem wir alle uns fuerchteten und auf den wir gleichzeitig warteten - sie ist gegangen, fortgeflogen. Endlich wieder in Freiheit, ungebremst von diesem Koerper. 

Alles ging so unglaublich schnell, so schnell, dass wir kaum Schritt halten konnten und dann auch wieder so unendlich langsam. Jetzt, so sagt der Verstand, geht es ihr besser, jetzt muss sie sich nicht mehr quaelen. Jetzt aber sind auch wir zurueckgelassen, verlassen.



Und doch, flieg, kleines Voegelchen. Flieg in die Freiheit und schau ab und an nach uns, ob wir auch alles richtig machen und Du nichts auszusetzen hast. Du wirst uns fehlen, liebe M., sehr fehlen.

Mein Weg aus Ägypten? Wie ich plötzlich nur noch einen Job haben musste.

Da liegt es also vor mir, das neue Leben. Mein neues Leben. Morgen soll beginnen, heute nach dem Kalender. Mein Auszug aus Ägypten, mein Ende der Qualen. Ich kann mich nicht freuen und sollte es doch. Ich werde mich auf diese Reise machen, was bleibt mir sonst. Doch irgendwie hatte ich mir das immer anders vorgestellt.

Buchbetrachtung: Fayvel der Chinese von Philippe Smolarski

Buchcover: Fayvel der Chinese. Aufzeichnungen eines wahnwitzigen Ganoven von Philippe Smolarski
Es gibt Bücher, die haben es irgendwie nicht so leicht. Es gibt Bücher, die gehen unter in der Masse, obwohl sie besseres verdient hätten. Und es gibt jene Bücher nicht eben nicht so sind, wie sie vielleicht sein sollten, wie manch einer meinen könnte. Ein solches könnte auch Fayvel der Chinese - Aufzeichnungen eines wahnwitzigen Ganoven von Philippe Smolarski sein. 

Ob es so ist, weiß ich nicht. Es erinnert mich etwas an das Buch "Die Vereinigung der jiddischen Polizisten" von Michael Chabon. Die Buchpremiere, die ich damals in Berlin organisierte kam nicht bei jedem gut an - bzw. besser das Thema des Buches. Aber zurück zu Fayvel, der zum Glück nicht so ist, wie man sich gemeinhin gern "den Juden" vorstellt: Er ließ sich ohne Gegenwehr zur Schlachtbank, resp. Gaskammer treiben. Smolarski gibt in den einführenden Worten bekannt, dass dieses Buch die Übersetzungen von Erinnerungen sind, Erinnerungen eines (jüdischen) Gangsters, der seine Geschäfte inzwischen in und von China aus führte, während Europa durch die Nationalsozialisten unterzugehen droht. Fayvel beschließt nach Polen zurück zu kehren und den Versuch zu wagen, seine dort noch lebende Familie zu retten. Wir reisen mit ihm nach Warschau, ins Ghetto. Erleben mit ihm dort die unterschiedlichen Welten von Geld und kein Geld, Festgelagen und Hunger. Kann er seine Familie retten? Er wird im Ghetto Maria retten, für ihren Vater ist es zu spät. Sie werden Warchau und dem Grauen dort zunächst entkommen. Werden bestechen, betrügen, lügen und töten um ihr Leben zu retten. War es so? Vielleicht. 
Bestechung war an der Tagesordnung. Auch so ein Punkt, über den sich heute so manch einer empört. So erlebt oft genug in der Gedenkstätte Blindenwerkstatt Otto Weidt: "Weidt hat die Gestapo bestochen? Das ist doch kriminell!" Otto Weidt hat bestochen, ja und er hat damit Leben gerettet.  Eine meiner Kindheitslektionen: Du musst immer jemanden kennen, der nimmt, um zu überleben.

Fayvel ist ein großartiger sympatischer Mensch und er ist ein Gangster, ein berüchtigter. Er ist das Gegenbild zum "armen wehrlosen Juden" mit dem man immer wieder konfrontiert wird. Er erzählt seine Geschichte spannend, mitreißend, voller Gefühl und Widersprüche. Die wunderbar liebevolle und bestimmt aufwändige Aufmachung des Buches durch den Liesmich Verlag macht es zudem zu einer Freude gelesen zu werden. So sind Übersetzungen z.B. jiddischer Worte fast wie in Handschrift an den Rand geschrieben. Ein einnotiertes Sternchen weist auf nähere Erläuterungen im Glossar hin, in dem man - so man möchte - noch mehr über die durchaus realen Protagonisten erfährt. Wunderbar erfrischend anders: Geschichte und Buch.

Das Buch ist fast ein Roadmovie. So ging es mir immer wieder durch den Kopf, dass es Stoff hat zum Film, sehr viel Stoff. Aber erstmal lieber lesen aus Papier oder als e-Book.  

Unbedingte Leseempfehlung.

Statt Podcast ein Podcast: On the Other Hand: Ten Minutes of Torah

Pessach ist im Gange, die Seder sind gelaufen, der eine oder andere Kater brüllt noch laut in den Schädeln.

Ich habe das Gefühl, dass ich schreiben will, eigentlich schreiben müsste über das, was mich bewegt, wirklich bewegt. Doch noch ist nicht die Zeit dafür. Es ist momentan ein Leben in Wartestellung. Meine Gedanken sind woanders. Daher gibt es für Pessach auch keinen Podcast. Fröhlich von Festen zu sprechen, wenn mir doch so gar nicht danach ist, das kann ich nicht. 

Statt dessen möchte ich auf einen relativ neuen Podcast hinweisen, den ich sehr gern höre: "On the Other Hand: Ten Minutes of Torah" Zum Lesen gibt es dieses Format schon lang, zum hören aber ist es neu. Jede Woche erzählt Rabbi Rick Jacobs etwas zum jeweiligen Toraabschnitt und bringt die Gedanken damit oft ganz woanders hin, als man zunächst annehmen könnte. 

Ich sollte vielleicht anmerken, dass es sich hierbei um einen Podcast aus dem Reformjudentum handelt, dem ich mich am ehesten zugehörig fühle und das es in Deutschland, wo doch eigentlich seine Wiege ist, sehr schwer hat. Noch immer muss man sich verteidigen und hat es mit Kommentaren wie "Judentum light" zu tun. Das ist es nicht. Wer also ein Problem mit dieser Richtung des Judentums hat, der folge einfach nicht dem Link, um unnötige Aufregung zu sparen - auch mir. 

Als ich in den USA lebte, waren das die Menschen, die am offensten, am tolerantesten waren. Vielleicht ist es auch das, was einige nicht mögen. Ich vermisse das hier, immer mehr und irgendwie gab ich die Hoffnung inzwischen auf. Das allerdings wäre ein anderes Thema. 

Um so mehr freue ich mich über diese kleinen zehn Minuten, auf die ich gern hinweisen möchte. 

Und noch was, weil ja doch Pessach ist. Schöner als Noa in ihrem heutigen Beitrag kann ich es nicht sagen: 
Ich wuensche allen ein gutes friedliches Pessachfest und moege jeder aus seinem eigenen persoenlichen Aegypten ausziehen koennen, aus der eigenen Sklaverei. Jeder wird selbst wissen, inwiefern er versklavt ist. Suechte, Abhaengigkeiten oder ungesunde Beziehungen...

Danke Noa.

Kunstbetrachtung: Briefe aus der Ferne - Letters from Abroad von Maja Weyermann

Still from video
Uzaktan Mektuplar - Letters from Abroad
, 2015
Maja Weyermann
Ich schreibe selten über Kunst. Obwohl sie mir doch so wichtig ist, ein Teil meiner Identität. Das liegt, so meine ich, daran, dass sie heute so selten etwas aussagt außer: Kauf mich, ich habe Wertsteigerung. 
Ich kann damit nichts anfangen. Kunst muss für mich aussagen, aufdecken, sprechen. So wie die Arbeit von Maja Weyermann

Ihre aktuelle Arbeit, die sie im Rahmen eines Istanbul Stipendiums des Berliner Senats herstellte, hatte am Donnerstag Premiere im Lichtblick-Kino. Es war voll - sehr sehr voll. So voll, dass man gleich zwei Vorstellungen zeigte. Der Film, der sich nicht als Dokumentarfilm verstehen will ist 30 Minuten lang und nimmt in diesen 30 Minuten viel mehr, als die bei der Einführung erwähnten drei Ebenen auf. Man muss sie selbst entdecken...und mitgegehen in der Entwicklung dieser Arbeit, dazu hat man auch mit diesem Film die Gelegenheit.

Maja wollte, so erfährt man, in dieser Zeit in Istanbul etwas über Teppichknüpfkunst machen. Durch verschiedene Umstände kam es nicht dazu. Termine klappten nicht, das Thema wurde nicht griffig. Wir hören in ihren Briefen an B. wie unzufrieden sie ist. Gleichzeitig aber ist das der Beginn einer Entdeckung einer Geschichte, die letztlich das Werk wird. Einer Geschichte, die, so meinen wir doch bekannt ist, aber eben doch nicht: der Genozid an den Armeniern. Und viel mehr noch, die bis heute andauernde Diskriminierung der Armenier in der Türkei, die bis heute andauernden Beschlagnahmungen von Armenischem Eigentum in diesem Land, das doch so sehr Partner sein soll eines Europas. 

In einfachen Bildern begleitet man Maja durch Istanbul, hört, wie sehr die Teppichknüpfkunst wortwörtlich mit der Geschichte verwoben ist und bleibt zunächst scheinbar wahllosvor Häusern stehen...ehemals armenischen Häusern. 

Ein Film, der mich tief bewegt hat, für den ich dankbar bin, der mich noch immer nachdenken lässt über das, was dort bis heute geschieht. Manchmal ist es eben doch noch die Kunst, die die Dinge zur Sprache bringt. Es sollte mehr davon geben.


Der Film wird Ende April noch einmal im Kino Arsenal gezeigt. Leider ist dort noch nichts zu finden. Unbedingt ansehen.

Buchbetrachtung: Nach Hause gehen - Eine Heimatsuche von Jörn Klare

Als Jörn im vergangenen Jahr irgendwann erwähnte, dass er plane von hier, Berlin, nach Hause irgendwo nach Westdeutschland zu laufen, weiß ich nicht mehr genau, was ich dachte. Bewunderung war dabei. Gedanken an einen eigenen Weg, den er finden würde. Ein Weg der nicht abgetreten von tausenden Pilgerfüßen sein wird. Ein Weg vielleicht, auf dem er sich suchen und finden könne, vor allem aber eine Entdeckung des Landes und seiner Menschen sein würde. Er würde auf seinem Weg Gespräche führen. Etwas, was ich auf meinen Reisen nicht mache, ich bin eine Beobachterin, keine Fragerin. Und doch bewundere ich es, die Gespräche über dem Gartenzaun, in der Kneipe, am Feld.

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