Fahrt durchs Land

Freitag, März 27, 2015
Und dann sitze ich wieder im Zug... einmal quer durchs Land. Draußen Felder, kleine Häuser, brandenburger Flachland. Noch ist alles braun und grau...ein paar Rehe, Menschen mit Hunden auf Feldern...ein Auto hier und da, über Feldwege rumpelnd.

Im Zug geht eine Dame mit ihrem Hund spazieren, ein gebügelter Mensch neben mir. Seine Tasche die einer Pelzfrau. Ich wundere mich. Züge bringen Menschen zueinander, irgendwie....Herrendesigneroutfits werden am Smartphone betrachtet. Und ich schaue raus. Der schönere Blick - ohne Schallschutzwand....Schafe, Reiher, Sonnenstreifen. Es ist schön dieses Land. Auch in seiner frühen Frühlingskargheit. Hoffnung liegt auf dem ersten Grün. Äcker, frisch gepflügt, und die Elbe....umgeben von Tümpeln, die sie füllte. Schön ist sie, schön.

Es sind wohl diese Momente, dieses Betrachten der Landschaften, die mich hier am meisten heimisch fühlen lassen, die Liebe zum Land mit noch immer staundendem Blick erleben.

In den grauen Wintern frage ich mich oft, was Menschen einst dazu trieb, hier oben leben zu wollen. Ich verstehe die Römer in ihrem Unverständnis...an Tagen wie heute aber, weiß ich es. Still und wild irgendwie. Brutal auch. Nichts von der eleganten Schönheit der südlichen Landschaften. Und dennoch...die Landschaft scheint zu rufen: Hey, schau mich an, mach was! Und der Mensch machte...bis heute.

Derweil angehalten im Zug. Gezwungen an eine Stelle, gezwungen anderes zu tun. Entschleunigung in der Beschleunigung. Ruheabteil. Keine Gespräche. Musik auf den Ohren. Zeit zum Lesen, denken, sehen...kleine Reisen wie diese, wir machen sie zu wenig und wir schauen zu selten. .

Und dann: Frühling

Mittwoch, März 25, 2015
Und alles scheint wunderschön. Und Du spürst die Sonne auf Deinem Gesicht, kannst die Jacke beiseite legen, kannst innehalten und nur fühlen, hören, riechen. Frühling. Als hätte man die Menschen wieder angeschaltet, hätte man die Stromversorgung wieder hoch gedreht. Es sind diese frühen Frühlingstage, in denen Du das Glück in den Gesichtern der Menschen siehst. Nur ein paar wenige Tage sind es im Jahr und selten siehst Du die Gesichter in diesen Tagen. Die Augen sind weit für das helle Grün, für die Krokusse, Zaubernüsse und die Vögel, die plötzlich in aller Eile zu Baumeistern werden.

Und dann stehst Du am Fenster am offenen. Endlich. Du siehst draußen den Schwan vom Kanal her zur Spree rüber fliegen. Der Mond scheint schon am noch hellblauen Himmel. Und Du siehst die ersten Familienpicknicks drüben im Park und alles scheint voll Glück. Alles scheint zu gelingen. Alles ist so wunderbar. Und diese graue Stadt erwacht und räkelt und streckt sich und Du möchtest platzen vor Freude, dass das Leben wieder beginnt....und unten an den Häusern schleicht ein Obdachloser entlang. Auf der Suche nach Essbarem in den Tonnen des hippen Restaurants, auf der Suche nach ein paar Pfandflaschen, liegen geblieben im Rausch der letzten Nacht. Es sind mehr geworden, diese Obdachlosen. Mehr Gesichter, denen Du begegnest ohne Hoffnung. Aufgegeben. Du kannst sie nicht rütteln und rufen: "Schau doch, der Frühling". Ihr Frühling ist vorbei. Lange schon. Sie suchen ihren Weg, gehen weiter. Und Du hörst von den Freunden, denen diese Stadt kein Glück brachte, wie sie überhaupt so selten Glück bringt. Der Ausweg ist, die Stadt zu verlassen. Ist es ein Ausweg? Vielleicht. Traurig bist Du über diese Gedanken. Traurig, dass die Besten gehen, dass sie die Stadt nicht zu überleben scheinen. Und all das, was hier groß wird, was andernorts nicht so laut und falsch tönen konnte, das bleibt und auch das macht Dich traurig.

Und dann aber der Frühling. Und Dein Leben. Die Sonne und das Leben und die Hoffnung, die Du jedem geben willst. Es ist Frühling in dieser Stadt, die so hart geworden ist.

Über das Leben an Orten mit schrecklicher Geschichte

Sonntag, März 22, 2015
Sept. 16, 1961. West Berliners wave to friends and family across the Berlin Wall. From the booklet "A City Torn Apart: Building of the Berlin Wall." For more information, visit CIA's Historical Collections webpage (https://www.cia.gov/library/publications/historical-collection-publications/index.html).
Eines vorweg: ich bin vorbelastet. Ich sehe die Welt, die Städte mit anderen Augen. Ich bin Nachfahrin von sogenannten Opfern zweier Diktaturen. Ich betrachte uns nicht als Opfer, nicht mehr, denn wir sind da. Wir haben überlebt, mit Blessuren, Narben und offenen Wunden, aber wir haben überlebt - die Täterstaaten nicht.

Und gerade weil ich eine Vernachlässigung sehen, weil ich erkenne, dass immer weniger Wissen vorhanden ist, immer weniger Gefühl für das, was einst an Orten, in Häusern geschehen ist, unter welcher Motivation sie erbaut oder abgerissen wurden, weil all das im Wahn der Immobiliensucht und Investorenwettk(r)ämpfe verloren zu gehen droht, will ich nun, muss ich etwas sagen:

Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie Menschen an Orte ziehen können, in denen andere Menschen sterben mussten. Ich verstehe nicht, wie Menschen ohne ein wenig ein Auge in die Geschichte zu werfen, froh in ihr neues Zuhause ohne ein Wissen, ohne ein Gefühl, was dort einst geschah. Nein, ich verstehe auch nicht, warum es nicht den Mut zur Leere in dieser Stadt gibt, die eine solche Straße, wie z.B. die Bernauer Straße nicht frei bleiben lässt, eine Narbe in der Stadt - nicht nur in Gedenken an jene, die dort ihr Leben ließen, sondern in Gedenken daran, wofür all das stand.

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Über das Schreiben und das Nichtschreiben

Montag, März 16, 2015
Einst begann ich diesen Blog anonym. Ich schrieb über alles, was mich bewegte, schimpfte, verriss, betete an. Es war egal, was ich wie sagte, niemand wusste, wer ich bin. Das führte gelegentlich auch zu seltsamen Diskussionen, weil man mir dieses hier, dieses Schreiben, nicht zutraute, nicht die Gedanken, Gefühle, Ansichten.

Mit den Jahren hat sich nun der Schleier der Anonymität gelüftet. Ich gehe noch immer nicht herum und schreie heraus, dass ich die bin, dass ich da was schreibe und alle müssen es lesen. Im Gegenteil. Es bleib getrennt. Durch Zufall entdeckte die Lieblingskollegin diese Seite bei der Recherche...Ich danke ihr, dass sie zur Leserin wurde, es aber auch nicht jedem erzählt. Kürzlich entdeckte es auch die Familie...die glücklicherweise angetan war. Es hätte auch anders kommen können.

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Alle Juden nach Israel (?)

Mittwoch, Februar 18, 2015
Die Reaktionen auf den jüngsten Aufruf Benjamin Netanjahus, alle Juden mögen nach Israel auswandern, reichten von Empörung, bis zu Bitten zu bleiben.

Mich wundert das einigermaßen. Warum? Ganz einfach, diese Aufrufe Natanjahus kommen mit schöner Regelmäßigkeit. Als nicht israelischer Jude kann man das nett empfinden, an Fürsorge denken oder einfach auch nur entnervt bis gelangweilt sein. Ganz offensichtlich aber, und so wage ich zu unterstellen, ist die "Massenauswanderung" der französischen Juden nicht nur in den letzten Monaten doch einigen Regierungsoberen zu denken gegeben. Ja, das kann passieren, ja, wir haben Israel als Hafen - zum Glück. Im Notfall wissen wir wohin. Wir wissen, dass wir nicht die Odyseen oder eben auch Ausweglosigkeiten unserer europäischen Ahnen auf uns nehmen müssten, sollte es tatsächlich wieder soweit kommen fliehen zu müssen. Aber ist das jetzt der Fall?
Einige meiner Freunde sind aus den verschiedensten Gründen ausgewandert. Niemand, weil er Angst hatte. Sie fanden dort ihre Liebe, besseres Wetter, waren überzeugt vom Staat oder fühlten sich ganz einfach vom ersten Tag an zu hause. Es war ihre Wahl. Und sollte es nicht so sein, jetzt im Moment? Dass ich nach Israel ziehe, weil es das Land meiner Träume ist, weil ich dort besser leben kann, als ich es sonst wo auf der Welt meine zu können?
Wenn wir nach Israel auswandern, wandern wir hoch, wandern Israelis aus, steigen sie auf der Leiter herunter. Nichts anderes heißt das Wörtchen Aliyah - und manch einer glaubt wirklich daran. So dann eben auch der Blick an uns, die wir nicht aufsteigen wollen, die wir in unseren Heimatländern zuhause sind. Ich unterstelle Netanjahu abgesehen vom Wahlkampf, auch diese Sicht.

Vielleicht ist man sich jetzt bewusst, wie fragil auch das hier Leben der europäischen Juden ist, wie schnell sie weg sein könnten, jetzt, da sie weg können. Vielleicht aber überlegt man auch in Zukunft, dass diese Aufrufe nicht nur von israelischer Seite kommen...sie kommen auch aus ganz anderen Mündern und fordern uns auf zu gehen. Sollen wir erst darauf hören, bis sich etwas regt?

Wie dem auch sei. Ich bleibe. Aber ich bleibe mit der Gewissheit, dass ich einen Ausweg habe, zur Not, wenn nichts mehr geht. Und das ist auch gut. Derweil bin ich das was ich bin, eine Deutsche die seltsam andere Feiertage und vielleicht auch eine andere Familiengeschichte hat als der Durchschnitt. Mehr aber auch nicht. Und Durchschnitt - wer ist schon Durchschnitt.
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Das sollte eine Buchbetrachtung werden - und dann kam Kopenhagen

Samstag, Februar 14, 2015

Eigentlich wollte ich über dieses kleine, nicht mehr ganz so neue Büchlein schreiben, doch dann kam Kopenhagen. Gerade beendete ich die Geschichte, von Motty, der eines Morgens nicht im Körper den 18jährigen Talmudschülers, auch nicht als Kakerlake, sondern als ziemlich durchschnittlicher Bauarbeiter aufwacht...ich las davon, wie er ausgeschlossen wurde, weil sein Äußeres nicht mehr passte zu seiner Welt. Ich las weiter, jetzt erst recht. Dieses kleine Buch, was ich mir ganz ehrlich in einer Laune allein wegen des Covers kaufte (mein Hunde hatte einen ähnlichen Spielzeugknochen - ich sollte noch mal über jüdische Haustierausstattungen schreiben) hat mir so viel Freude bereitet. Seine Geschichten, von Zynismus aber auch von viel Gefühl und Nachdenklichkeit getragen, brachten viele Schmunzeleien und Lachen in meine Tage. 
Beim Lesen dachte ich schon, dass es manch einem gar nicht gefallen mag, was Auslander da schreibt. Aber es muss ja nicht jedem gefallen. Dann las ich einige Kritiken, die von Blasphemie sprachen, davon, dass man das Buch auf "eigenes Risiko" lesen soll. Und ich wunderte mich sehr. Ich wunderte mich. Blasphemie...Leider war nicht zu entnehmen, welch Geistes Kind der Schreiber war - dennoch erschreckte es mich. Blasphemie, ein Wort, das wir immer häufiger hören und das die Macht hat, soviel zu zerstören. Leben zu zerstören. Wie wir es heute wieder erleben mussten. Nur etwas mehr als einen Monat nach Paris schießen zwei Personen auf Besucher einer Diskussion zu Meinungsfreiheit und - ja, Blasphemie. Ein Mensch musste mit seinem Leben damit bezahlen. 
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Je Suis ... - einen Monat danach in Berlin

Dienstag, Februar 10, 2015
Vor einem Monat wurde demonstriert, für Pressefreiheit, für Freiheit überhaupt. All das geschah, nachdem die Mitarbeiter der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Namen von irgendwelchem Irrsinn ermordet wurde.

Vor einem Monat lobte man sich und die Satirefreiheit der westlichen Welt. Man müsse nicht alles mögen, man müsse es ertragen und jetzt?

Allein, weil der Berliner Senat sich nun mit der Abmahnung des Metronaut für mich endgültig ins aus katapultiert hat, seien hier auch ein paar Worte dazu geschrieben.

Der Post war eindeutig als Satire getaggt, man wundert sich doch sehr über die Qualifikation der (vermutlich) sehr teuren Kanzlei. Und, lieber Senat, Satire muss man aushalten, auch Kritik. Und Kritik an dieser absurden Idee von Olympia in Berlin wird es noch viel mehr geben. Wir wäre es denn einfach mal, wenn Ihr den Berliner ZUHÖREN würdet? Wenn Ihr das Gespräch suchen würdet. Eure Finanzierungsmodelle vorstelltet, als das in Berlin schon knappe Geld für dümmliche Slogans, hässlicher Reklame und sonst etwas für Olympia raus zu werfen? Und ehrlich - die Motive vom Metronauten fand ich persönlich gar nicht so schlecht. Was spräche dagegen, sich auch mit der Geschichte auseinander zu setzen?

Aber nein, wir mahnen ab...wir verbieten das Mäulchen und verkünden dann weiter, dass natürlich die Berliner abstimmen dürfen, ob sie die Spiele haben wollen - nachdem Ihr schon die Bewerbung eingereicht habt.

Ich würde mir wünschen, so schnell, wie Ihr auf den Metronauten reagiert habt, würde man mal in Berlin einen Termin beim Bürgerbüro, bei irgendeinem Bürgerbüro, bekommen. Und weil's so schön war, gleich noch ein paar mehr Motive beim Metronauten und ein Artikel bei der Netzpolitik. Die Originale gibt es übrigens hier zu bewundern.


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Ein Blogpost, ein Kommentar, die Anzeige und was dann kam

Montag, Februar 09, 2015
Im Sommer 2014, der Hochzeit der Ausschreitungen, nicht nur auf Berlins Straßen, aber vor allem auch der Hochzeit des "neuen" Antisemitismus schrieb ich einen Beitrag zu meinen Gedanken in dieser Zeit. Die Reaktionen - und damit hatte ich nicht gerechnet - waren zum Großteil positiv. Aber eben nur zum Großteil. Es kam auch ein Kommentar, der sämtliche Voraussetzungen für eine Strafanzeige erfüllte. Ich bat Chajm um Rat, wie er mit der Situation umgehen würde - danke nochmal dafür. Schließlich bekommt man nicht aller Tage solche Zuschriften. Man ist (nicht nur als Jude) so allerlei gewöhnt, aber das war doch mehrere Schritte weiter gegangen. Ich wusste nur eines, ich werde den Kommentar nicht veröffentlichen. Das war das erste Mal, dass ich mich dazu entschloss. Meist lasse ich sie selbst entblößen. Nur hier...hier nicht.
Es folgte die Kontaktaufnahme zum Antisemitismusbeauftragten der Berliner Gemeinde. Ich war verunsichert, wollte Rat und wissen, ob es überhaupt Sinn macht, hier etwas zu tun. Die Antwort kam nicht.
Nach ein paar Tagen entschloss ich mich doch, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. An dieser Stelle sei ausdrücklich auf das Angebot der Internetwache der Berliner Polizei hingewiesen, das mir auch die Angst nahm, zu einer Wache hinzugehen und womöglich seltsame Blicke oder Kommentare ernten zu müssen. Ja, die Angst bestand. Ich erstattete also Anzeige und bekam sehr schnell Antwort. Den Text des Kommentars hatte ich bereits übermittelt und wie ich vermutete stand hier nicht nur Volksverhetzung, sondern auch Bedrohung und Weiteres im Raum. Ich rechnete nicht mit viel, ich wollte letztlich, dass dieser "Vorfall" in die Statistik einging. Der Bearbeiter bei der Polizei war sehr freundlich, sammelte alle Daten, die ich bieten konnte - es war nicht viel.

Zwei Wochen nach meinem Schreiben an die Berliner Gemeinde antwortete nun auch der Antisemitismusbeauftragte. Das Verfahren gegen Unbekannt war längst eingeleitet.

Und nun...nun kam Post von der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren ist eingestellt, man habe den Täter nicht ermitteln können. Ich bin enttäuscht, irgendwie schon. Ganz tief drinnen habe ich wohl doch gehofft, dass es nicht ungestraft bleiben würde.
Nach diesem Vorfall habe ich das Kommentarsystem umgestellt. Ich erlaube zwar noch immer "anonyme" Kommentare - aber via einem anderen System, dass die Ermittlungen im Falle des Falles leichter machen kann.

Und was wird aus dem Kommentar in meiner Warteschleife? Ich werde ihn nicht löschen. Vielleicht gibt es ja mal irgendwann eine Hatepoetry-Lesung mit Nichtprominenten. Na, hat jemand Lust? Material haben wir doch sicherlich reichlich.