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Ausstellungsrundgang: "Ein Gott - Abrahams Erben am Nil"

Freitag, Mai 22, 2015

Donnerstag, Ausstellungstag. Gestern also ins Bodemuseum zur Ausstellung: "Ein Gott - Abrahams Erben am Nil. Juden Christen und Muslime in Ägypten von der Antike bis zum Mittelalter"

Ich hatte soweit noch gar nichts von der Ausstellung gehört, was wundern macht, da sie schon weit über einen Monat lief und doch eigentlich ein Herzensthema von mir berührt. Dies ist also mal eine andere Ausstellungsbetrachtung, eine auch aus jüdischer Sicht.
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"Überall Geschichte" - Buchbetrachtung

Sonntag, Mai 17, 2015
Manchmal gibt es Überraschungen, Geschenke. So wie neulich, als ich ins Büro kam. Da lag ein dicker Brief mit einem Buch, diesem Buch: "Überall Geschichte - Nationalsozialismus und Kriegsende 1945 - Denkmale, Erinnerungszeichen und historische Orte im Landkreis Spree-Neiße". Wie aber kam das Buch zu mir? Ich blätterte durch und erinnerte mich. Ich half der Autorin Alexandra Klei bei der Übersetzung einiger russischer Mahnmale. Der Kontakt war durch Twitter entstanden. Und das war nun das Ergebnis. Es ist nicht nur ein Buch, es wird eine Ausstellung sein, die im werkraum bild und sinn zu sehen sein wird.
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Eine ganz normale Liebe (?)

Freitag, Mai 15, 2015
Meine liebe Kollegin Claudia Schwartz ist verheiratet. Nichts Besonderes.
Ihr Mann Shaul Bustan ist kein Berliner. Claudia auch nicht. Nichts Besonderes.
Sie sind ein internationales Paar. Nichts Besonderes.
Sie sind Künstler in Berlin. Nichts Besonderes.
Sie ist Deutsche, er Israeli. Nichts Besonderes. - Oder doch?

Ein wenig erzählten sie im Morgenmagazin des ZDF:









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Jugendhaus Frohe Zukunft Halle - eine Rückkehr nach 36 Jahren

Dienstag, Mai 12, 2015
Halle spielte bis vor Jahren keine Rolle in meinem Leben. Bis ein Mensch in mein Leben trat, den Halle prägte. Nicht die Stadt, sondern das Jugendhaus Halle mit dem etwas zynisch anmutendem Zusatz "Frohe Zukunft", was allerdings nur das Viertel benennt. 

Halle. Ich hörte Geschichten von Prügel. Von sadistischen Wärtern, von Selbstkontrolle der Häftlinge untereinander. Von blutigen Waschräumen, vom Fußbodenschrubben mit Nagelbürsten, vom Marschieren, von Schreien, vom Brutalität, von Einzelhaft ohne Tagesrhythmus, von nicht zu erreichenden Akkorden, davon, nur zu zweit als "Politischer" unter brutalsten Straftätern zu sein. Ich hörte von "Chefs", hörte von Nato, dem brutalstem Wärter. Ich hörte von den Fenstern mit Betongittern, von stetigem Hundebellen, Schlüsselrasseln und immer wieder Prügeln. Und alles nur, weil man eine Meinung hatte, mit 16, weil man weg wollte aus diesem Land, das einen doch auch nicht wollte. Ein Jahr Gefängnisse in der DDR, davon acht Monate Halle. Acht Monate, die prägten, aber nie brachen. Die Geschichte hatte ein gutes Ende, wenn man so will. Das Ende hieß Freikauf und dann ein neues Leben. Er hat es geschafft. Lebte alles, was man leben konnte in West-Berlin. War Hausbesetzer, Partyorganisator, begrünte die Kreuzberger Hinterhöfe mit den Bewohnern als Urban Gardening noch kein Wort war und alles andere als hip. Er kämpft seine Kämpfe gegen die Berliner Verwaltungen, seine Kämpfe für einen Traum, seinem Traum mit dem Wissen, dass sie ihn nicht gebrochen haben, dort in Halle. Doch Halle war immer da. 

Heute nun war der Tag der Rückkehr. Alles ging so einfach. Das ehemalige Jugendhaus Halle ist noch heute Gefängnis. Eine Email, eine freundliche Antwort. Alles kein Problem. Wir können kommen. Wir kamen. Das Gelände hatten wir vor Jahren per Luftbild gefunden, wussten, dass Vieles noch steht. Was kam, damit hatten wir nicht gerechnet. Der Block, der bewusste stand da, unsaniert. Original.


Wir konnten hinein. Konnten rein in ein heruntergekommenes Haus, in dem die Türen an anderen Orten lagen. In dem er aber nun die Türen anfassen durfte, die Gitter zur Etage selbst aufstoßen, herumlaufen. Der Fußboden war ein anderer. Wie oft musste er geschrubbt und gebohnert werden. Die Fenster mit den Betongittern. Dunkel war es darin. Alte Türen standen überall herum. Gezielter Gang nach links. Hier war es. Zehn Jungs pro Zimmer. Doppelstockbetten. Keine persönlichen Gegenstände. 


Wir liefen über das Gelände, liefen die Wege von damals. Die Hundegänge gibt es nicht mehr. Die Mauer gibt es noch. Die Wachtürme gibt es noch. Sie sind leer. Die Baracke, in denen man sich Zigaretten und Zahnpasta kaufen konnte wurde inzwischen abgerissen, die Kantine ist noch immer was sie war, so vieles war noch so. Nur eine Werkhalle war inzwischen Turnhalle geworden. Stolz der Bediensteten dort heute. Inzwischen wird hier nicht mehr für IKEA produziert. Paletten sind es. Akkordarbeit wurde abgeschafft, die Verletzungsgefahr war zu groß. Wir laufen über das Gelände. Die Gespräche bewegen sich zwischen Erinnerungen, Suche und der Frage, was ist heute? Wir erfahren, dass wir die ersten sind, die zurück kommen. Dies ist nicht der Rote Ochse. Hier waren nur wenige Politische, zum Ende der DDR wurden es mehr. In den 70ern aber waren sie nur vereinzelt hier. Die Mitarbeiter sind zurückhaltend. Sie fragen mich, nicht ihn. Er erzählt zwischendrin, ich erläutere später. Die Stimmung bewegt sich zwischen Neugier, Respekt und auch ein Stück Dankbarkeit. Es fällt der Satz, dass es etwas ganz anderes ist, wenn jemand erzählt, der hier war, der kein "Erzieher", wie die Schließer dort zynisch hießen. Wer sollte hier erzogen werden? In diesem Umfeld? Ein besserer Mensch werden, indem man sie brach, die Kinder? 


Man hat ihn nicht gebrochen. Vielleicht, mit der Rückkehr ist etwas passiert. Wir reden und reden. Plötzlich durfte er sich frei bewegen, dort auf dem Gelände und nun? Plötzlich sogar sagen, wo lang man gehen konnte. Der Weg, von dem man nie abweichen durfte, wollte man keine Prügel riskieren. Plötzlich Freiheit - und man war doch hinter Gittern. Wir finden Spuren der Absperrungen. Wir gehen wieder zurück zum Exerzierplatz. 

Platz nehmen auf einer der Bänke am Platz. Der Sieg über Jugendhaus Halle.


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Judentum - eine Religion, die ausschließt?

Samstag, Mai 09, 2015
Vor ein paar Wochen wurde ich Zeuge eines Gespräches „über Juden“. Man wusste und ahnte wohl nichts von meinem Hintergrund. Es wurde von einem Zeitzeugen berichtet, mit dem die Organisation zu den Gedenktagen immer recht schwierig sei, da er orthodoxer Jude sei. Meine Antennen richteten sich in Richtung des Gesprächs. Das Problem sei vor allem, dass er sich am Schabbat nicht bewegen würde. Was genau das Problem daran sei, verstand ich nicht. Ich fragte auch nicht nach. Gelegentlich ist es auch interessant, einfach Mäuschen zu sein und zu erfahren, was man denn so redet. Was mich dann aber doch stutzen ließ und vor allem bis jetzt nachdenklich werden ließ war die Schlussfolgerung, dass Judentum eine Religion sei, die ausschließe. 

Seit dem denke ich darüber nach und frage mich, ob das wirklich so ist? Schließt Judentum per se andere aus und schließt sich selbst ebenso aus aus der Gesellschaft? Oder ist es nicht viel mehr so, dass die Gesellschaft Menschen mit anderen Lebensrhythmen ausschließt?

Und hat es nicht andererseits auch Gründe, warum wir unsere Gebäude weiter abschirmen müssen? Leider? So sehr ich mir wünschte, die Synagogen könnten offene Häuser sein, wie Kirchen? Die letzten Jahre bewiesen leider, dass es nicht geht. Dass wir noch immer auch sichtbar in diesem Sonderstatus leben müssen, nur weil es Einzelnen nicht gefällt, dass wir da sind. 

Erinnere ich mich an die Zeit, in der ich religiöser bzw. religiös lebte. Ich fühlte mich selbst auch eingeschränkt. Ich fühlte mich eingeschränkt und ausgeschlossen, da ich unter der Woche zeitlich nicht in der Lage war, Lebensmittel einzukaufen, der Schabbat war tabu für Einkäufe und Sonntag? Sonntag, wo ich wirklich Zeit gehabt hätte? Sonntag sonnte sich das Land in einer pseudoreligiösen Sonntagsruhe, auf die kaum jemand - zumindest in Berlin - Wert legte. Ich wohnte damals neben einer Kirche und beobachtete das dortige Treiben oder eben nicht Treiben. Dies sei nur ein Beispiel.
So schließt also dieser Mann niemanden aus, auch schließt er sich nicht selbst aus. Er achtet seinen Ruhetag und ist mit Sicherheit am Sonntag, wenn der gewöhnliche Bürobewohner spätestens keinen Finger mehr rühren will mit Sicherheit zu mehr aufgelegt - nur wird sich dann kaum jemand finden.

Oder nehmen wir das Einkaufen an sich. Als observanter Jude in Deutschland bleibt zum Einkauf, so man Glück hat und in einer größeren Stadt lebt, der (meist sehr teure) koschere Laden. Die Auswahl dort ist eingeschränkt. Es gäbe da noch den einen oder anderen Versand oder man geht mit der sogenannten Koscherliste in einen normalen Supermarkt. Nach einigen Einkäufen weiß man in etwa, was als koscher gelistet ist - allerdings ändert sich das auch gern hin und wieder. Man muss also immer auf der Hut sein. Ich stelle hier nicht die Frage, warum man sich koscher ernährt. Sie ist ebenso überflüssig, wie die Frage, warum sich jemand vegan ernährt. Es ist eine persönliche Entscheidung, die es zu respektieren gilt. So wird einem also von außen ein Problem auferlegt, dass es, so meine Erfahrung, in anderen Ländern nicht gibt. Da findet man in den normalen Geschäften das Koscherzeichen in seinen wunderbaren verschiedensten Designs auf den Produkten in den Geschäften, ähnlich dem Veganzeichen, Laktosefrei, Halal oder wie hier dem Grünen Punkt. Nun mag man argumentieren, dass es sich für Firmen zahlenmäßig nicht lohne, dieses Zeichen auch in Deutschland auf ihre Produkte drucken zu lassen. Ja, daran denke ich auch oft. Gerade für kleine Firmen ist es auch schwierig und vor allem teuer, zertifiziert zu werden. ABER: man blättere in der Koscherliste und siehe nach, dass es sich fast nur um die Marktführer handelt, für die der Aufdruck, den sie außerhalb Deutschlands schon führen, kein Problem sein sollte.

So schlösse man nicht aus, sondern betrachtet Juden, Muslims, Hindus, Veganer, Laktoseintolerante und und alle anderen als das, was sie sind: Teile einer Gesellschaft, die eben unterschiedlich ist. In der nicht alle nach einem vorgegeben Rhythmus leben, in dem aber alle an alle denken und ihre gelegentlich andersartigen Eigenarten achten.

Und Menschen, die ausschließen wollen, sich vielleicht wohler allein fühlen oder in festen Strukturen, die sie kennen, in denen sie sich sicher fühlen, möge man das lassen. Sie mögen es allerdings andersherum auch freundlich kommunizieren.

Eine Stadt besteht aus unterschiedlichen Arten von Menschen, ähnliche Menschen bringen keine Stadt zuwege. (Aristoteles)

#rp15 - Jetzt seid Ihr gefragt

Freitag, Mai 01, 2015
re:publica 15 - FINDING EUROPEDie re:publica naht mit großen Schritten, zu großen Schritten, wie mir fast scheint. Kurz und knapp, ich werde einen kleinen Beitrag zum Thema deutsch-jüdische Blogosphäre halten. An dieser Stelle sei vor allem den Bloggern gedankt, die mir so nett auf meine Fragen geantwortet haben! Eure Antworten sind auch ohne Vortrag bereichernd, spannend und zum Teil auch sehr überraschend. Danke!

Weshalb ich hier aber nur ganz kurz schreibe: in einer halben Stunde, die man mir gibt, kann man nicht so sehr viel sagen und ob Zeit für Fragen bleibt, ich weiß es nicht. Daher möchte ich jetzt einfach Euch bitten, mir zu sagen, was Euch interessiert, was Ihr wissen wollen würdet zum Thema, von den Bloggern und überhaupt. Ich vermute, dass einige Fragen schon beantwortet sein werden, dennoch interessiert es mich und ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere die Zeit fände zu fragen. Ich hoffe dann, es am Donnerstag einbauen zu können. Und sonst würde ich auch hier in diesem Blog antworten. 

Also, legt los. Gern über das Kommentarfeld hier unten drunter oder per Kontaktformular hier.

Auch Euch schon jetzt, vielen Dank!
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Münster, ein Antiquariat und Gedanken

Freitag, Mai 01, 2015
Neulich, irgendwann vor ein paar Wochen war ich in Münster, das erste Mal. Viel hatte ich gehört. Viel wurde ich auf den Tatort angesprochen, als ich von meiner Reise erzählte. Und eigentlich verbinde ich doch etwas anderes mit der Stadt: Ein Antiquariat, ein richtiges, eines, wie man es sich erträumt. Voll bis oben hin mit guten Büchern. Zwar war ich gebucht auf das StArtCamp Münster, doch irgendwie schwirrte dieser Laden in meinem Kopf.
Kalt war der Tag, es regnete und ein eisiger Wind wechselte sich mit Sonne ab. Nach etwas Orientierung sah ich es, endlich: das Antiquariat Solder. Und ich kam nicht ohne Auftrag. Ein Buch sollte ich finden, für Marco vom Denktagebuch. Durchgefroren betrat ich den Laden. Der Duft alter Bücher. Ich war zuhause. Herr Solder und ich hatten schon Kontakt, wir waren uns nicht unbekannt, umso schöner, sich direkt gegenüber zu stehen. 


Schnell stand ich vor dem Regal mit alten Insel Büchern. Ich liebe diese kleinen bunten Bücher, die alten besonders. Fünf von ihnen verließen das Geschäft an diesem Tag, begleitet von der Wärme, die ich dank eine Tees und eines Gesprächs mit mir nahm. Meine Bücher im Arm, ihren wohligen Geruch atmend ging es zum Hotel, ich hatte Zeit.
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"Das Requiem für einen polnischen Jungen" und die seltsame Vereinnahmung durch eine Stadt

Donnerstag, April 23, 2015
Die Feiern zum 70. Jahrestag der Befreiung sind deutschlandweit im Gange. Quasi jedes Wochenende finden bewegende Veranstaltungen in den Gedenkstätten statt, oft zum letzten Mal mit Überlebenden dieser Orte des Grauens. Und immer wieder wird daran erinnert, wie wichtig die Erinnerung sei, das Nichtvergessen.
Steht man abseits der Planungen, Vorbereitungen und kann sich ganz dem Moment hingeben sieht man Dinge, die mehr als merkwürdig, die gefühllos, unbedacht und absurd erscheinen und sind.

Jeden Tag muss ich Presseschauen machen. Jeden Tag lese ich dieser Tage davon, dass die Zerstörung deutscher Städte und Dörfer in den Augen der Menschen, bzw. der Journalisten, einen höheren Stellenwert einnehmen als das, was dem zu Grunde liegt. Niemand scheint zu fragen, WARUM das alles geschah, warum Deutschland "befreit" werden musste und manchmal habe ich den Eindruck, dass es auch nicht so gesehen wird. Gelegentlich darf man nach allem noch lesen, dass hier und dort auch ein paar "Fremdarbeiter", die im Ort "beschäftigt" waren bei den Angriffen umkamen. Nur selten nennt man sie beim Namen, nur selten sagt man, dass es Zwangsarbeiter waren, oft genug aus ihrer Heimat verschleppt, um in Deutschland zu arbeiten. Noch seltener sagt man, dass sie keinen Schutz in Luftschutzkellern suchen durften.

Und dann sind dann noch die Städte, bei denen man noch mehr hinsieht. Denn wenn schon nicht sie selbst, so wurden doch zumindest die Häftlinge der in ihrer Nachbarschaft liegenden KZs befreit. Besondere Blüten scheint es mir in Nordhausen/ Thüringen zu treiben. So begeht man dort "traditionell" eine Woche vor dem Jahrestag der Befreiung des nahegelegenen KZs Mittelbau-Dora, den eigenen Jahrestag, den der Zerstörung der Stadt. Allerdings sagt auch hier niemand, WARUM. Die Zeremonien hierzu treiben inzwischen seltsame Blüten bis zur Namenslesung der Opfer der Stadt durch Schüler der Nordhäuser Schulen. Von den Opfern des KZs und seiner Außenlager ist hier keine Rede. Die Zerstörung der Stadt wird mythologisiert. Psychologisch alles leicht zu erklären. Menschlich möchte man sich nur noch wundern, die Stadtverantwortlichen beim Kragen packen und fragen, ob sie noch ein Stück Verstand und Herz in sich haben. Seit dem Wochenende der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers sehe ich keine Chance mehr, sie noch wachzurüttel.

Seit über einer Woche, versuche ich das alles positiv zu sehen. Seit über einer Woche, versuche ich, mir einzureden, dass es alles nicht so gemeint war. Doch es gelingt nicht. "Das Requiem für einen polnischen Jungen", das in der örtlichen Kirche aufgeführt wurde, wurde durch die Stadt kurzerhand "anlässlich des 70. Jahrestages der Zerstörung Nordhausens und der Befreiung des KZ Mittelbau Dora" (in dieser Reihenfolge) präsentiert. Das wirft doch einige Fragen auf. Die Veranstaltung fand (eigentlich) anlässlich der Befreiung des KZs Mittelbau-Dora statt. Viele Zeitzeugen waren vor Ort. Im Programmheft werden die Texte der "Opfer des Faschismus", nach denen Lohff das Requiem schrieb in verschiedenen Sprachen zitiert. Kein Wort, nicht eines, spricht hier von Nordhausen.

Betrachte ich es positiv. So sollte es wohl etwas wie eine Annäherung sein, eine Annäherung, dass beide Ereignisse, die der Befreiung des KZs und seiner Außenlager und die der alliierten Angriffe, in einen Zusammenhang gesetzt werden, dass man aufhören möge, sie getrennt zu betrachten und zu begehen. Betrachte ich es realisitisch, so wurde das eine Ereignis ausführlich durch die Stadt begangen und sich hier lediglich angeklinkt, um nicht ganz so ignorant dazustehen. Noch heute, so scheint es, betrachtet Nordhausen und seine Vertreter die Anwesenheit des ehemaligen KZs als Übel, das es durch eigenes Leid zu übertönen gilt.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Nun, zunächst sollte diese unsinnige Mythologisierung der Bombengriffe aufgegeben werden. Vielleicht hilft es schon, wenn die Stadt ihre Sichtweise dahingehend verändert, dass auch sie befreit wurde. Wie mir scheint, sieht man es dort ganz anders. Weiterhin wäre es hilfreich, wenn man sich wirklich aktiv mit der Geschichte der Gegend auseinander setzt. Die "Fahnen der Erinnerung" zeigen deutlich wie sehr diese Stadt und die umliegenden Gemeinden darin eingebunden waren. Weiterhin könnte man sich für die nächsten Gedenktage direkt mit der Gedenkstätte zusammensetzen und überlegen, wie man nach dann mehr als 70 Jahren ein gemeinsames Gedenken ermöglichen könnte. Vor allem, so denke ich, wird es Zeit, das Trauma der zerstörten Stadt nicht mehr an die Jugendlichen weiter zu geben. So kann nie ein neues Denken, ein Entgegenkommen, ein Verstehen entstehen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Verhalten der Stadt nicht verstehen kann. Ich kann nicht verstehen, wie man Dinge nicht reflektieren kann, wie sie - gerade in diesen Situationen - wirken. Wie sie für Verwirrung sorgen werden und wie wenig sie für den Dialog und die Zukunft tun. All das ist kontraproduktiv. Die Insel des eigenen kleinen Denkens verlassen.

Nordhausen allerdings ist nur ein Synonym für andere Städte in diesen Tagen. Das Land zeigt in seiner Mehrheit, dass ich in einer Blase lebe. Ich möchte diese Blase behalten, ich möchte sie ausweiten auf die ganze Stadt, das ganze Land. Denn so weiß ich, dass es Zukunft geben kann. Perspektiven für alle.
Opferrollen einzunehmen, sie nicht zu verlassen, hat noch nie geholfen. Wagt man den Schritt, kann man Neues, Positives schaffen.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Überlebenden.


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Der Holocaust Cartoon Contest

Montag, April 13, 2015
Gestern lief über Haaretz die Nachricht, dass der Iran wieder zu einem "Holocaust Cartoon Contest" aufrief. Sonst hat man davon wenig gehört in den westlichen Medien, die doch so schön damit provoziert werden sollten. Der erste "Wettbewerb" dieser Art fand 2006 statt, jetzt der zweite. Sehr vermutlich  als Antwort auf Charlie Hebdo.

Beim Lesen der Nachricht überkam mich lediglich Gähnen. Vielleicht ist man, bin ich inzwischen schon zu abgebrüht. Vielleicht kann ich es einfach nicht mehr hören, nicht mehr lesen. Provoziert das überhaupt noch irgendwen? Und warum nicht? Ist es überhaupt wirklich bis an die Europäische Gesellschaft gedrungen? Ich bin zwiespältig und es lässt mich eben nicht los, diese Frage.

Ein paar Gedanken dazu: Ich denke nicht, dass man dieser Ankündigung zuviel  Aufmerksamkeit schenken sollte, denn darauf zielt sie hinaus. Man will

"display the West's double standard behavior towards freedom of expression as it allows sacrilege of Islamic sanctities…"

Das lässt mich eher amüsiert schmunzeln. Die Doppelstandards der westlichen Welt wollen sie zeigen. Demnach sind Juden also die Westliche Welt per se. Dass das viele Rechte anders sehen, und auch reichlich sich nicht in diese Ecke einordnenden Menschen anderer Meinung sind, zeigt wieder, dass man nicht so richtig wohin weiß, mit uns. Warum müssen wir immer Symbolbild für irgendwas sein? Warum werden wir immer mit anderen Augen gesehen als jeder andere Mensch? Ich werde es nie verstehen.

Und weiter:

"but prevents research on the Holocaust due to the Zionist regime's steadfast opposition."


Da haben wir es wieder, wir verhindern natürlich auch wirkliche Forschungen zur Shoa. Was käme auch sonst dabei heraus? Dass es sie nicht gegeben hat natürlich, dass all die Menschen, dieser Tage, die wenigen Überlebenden lügen. Dass alles eine große zionistische Verschwörung ist.

Warum nimmt man nicht meinethalben einen Wettbewerb von Cartoon gegen die evangelikale Kirche in den USA? Oder auch die Politik Europas, wenn es nicht ganz so weit weg sein soll? Ganz richtig, der geplante Effekt wird nicht erreicht. Ich hoffe, trotz meiner Gedanken, er wird dieses Mal nicht erreicht. Ich hoffe, die Welt wird sich nicht vorführen lassen. Lasst sie doch zeichnen und sich stark und mutig fühlen. Lasst sie ihre Meinung äußern, wie sehr "wir" die Welt beherrschen, wie "wir" alles kontrollieren. (Btw. ich finde, wenn es so wäre, machten "wir" eine ziemlich schlechte Arbeit)

Ja, wir Weltbeherrscher. Uns ist langweilig, deshalb setzen wir uns freiwillig Repressalien aus. Deshalb müssen in jeder Generation, Menschen aus ihrer Heimat fliehen, nur, weil sie Juden sind. Deshalb müssen sie noch immer um ihr Leben fürchten und deshalb gibt es auch nur so wenige Fluchtmöglichkeiten. Deshalb werden Juden noch immer auf dieser Welt gekennzeichnet. Deshalb gibt es in vielen Ländern keine Juden mehr und in einigen werden die letzten verschwinden. Es lebt sich schön, in diesem Sonderstatus. Nein, das tut es nicht. Wirklich frei sind wir nicht. 

Und irgendwann, nach dem Lesen des Artikels kam der Gedanke, dass es vielleicht auch nur so ruhig ist auf den anderen Kanälen, nicht, weil wir Fanatikern kein Forum geben sollen, nicht, weil wir eben Stifte sprechen lassen wollen, ob sie uns gefallen oder nicht, sondern weil es doch einfach zuviele Menschen auf der Welt gibt, die all das gar nicht so falsch finden.