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Ausstellungsrundgang: Gottfried Lindauer. Die Māori Portraits in der Alten Nationalgalerie

Freitag, Januar 23, 2015
Gottfried Lindauer
Huria Matenga Ngarongoa (Julia Martin), 1874
67,5 x 56 cm, Öl auf Leinwand
Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki,
Geschenk von H. E. Partridge, 1915
Gestern zwischen zwei Terminen war noch etwas Zeit, ins Museum zu gehen. Das Berliner Museumsparadies hat reichlich Auswahl, doch schon eine Weile stand nun die Māori Ausstellung in der Alten Nationalgalerie auf meiner Liste.

Ganz oben in der dritten Etage warten die Portraits auf den Besucher und mit ihnen eine große Überraschung - jedenfalls für mich. So erwartete ich einen Raum mit ein paar Bildern, wie üblich mit Angabe des Bildnamens, vielleicht noch ein paar Hintergründe, wie Lindauer dazu kam, die Māori zu malen. Also das, was man von der Alten Nationalgalerie erwartet.
Doch dieses Mal ist das Gegenteil der Fall. Es erwarten einen farbgewaltige präzise Portraits die soviel Lebendigkeit und Würde ausstrahlen, wie ich nichts Vergleichbares kennen würde. Im hinteren Teil (im Bogen, für die, die die Nationalgalerie kennen) befinden sich eine weitere kleine Ausstellung mit Fotografien. Viele der Bilder sind von diesen Fotografien entstanden und sind doch um so vieles aussagekräftiger als die Fotografien, von denen wir doch immer meinen, sie würden die Wirklichkeit abbilden.

So kann ich sehr gut verstehen, warum die Portraits der Ahnen für die Māori von heute so wichtig sind. Warum überhaupt die Bilder das erste mal Neuseeland verlassen durften.



Ich kann nicht viele Worte finden für meine Begeisterung, die ich auch verbal überall verbreite. Und noch etwas hat mich positiv überrascht: jedes Portrait hat eine ausführliche Beschreibung in Deutsch und Englisch, wer die dargestellten sind, was die Kleidung, die Accessoires, die Tätowierungen bedeuten. Man sollte also Zeit mitnehmen, Lese- und Lernlust noch dazu. Es lohnt sich. Wer ganz viel Muße hat, sollte auch die Gelegenheit nutzen, sich die Dokumentation zu den Portraits anzusehen - viele Folgen einst fürs Fernsehen produziert, werden mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Was ich schade finde ist, das das Begleitprogramm doch etwas phantasielos daher kommt. Hätte man doch bei diesem Thema aus dem Vollen schöpfen können. Eine Kooperation mit den Ethnologischen Museum z.B. kommt mir gerade als spontane Idee, Kombiführungen, Thementage, Kinderprogramme.... Da gehören sie schon beide zu den Staatlichen Museen Berlins und dennoch? Den Museumsmenschen lässt das etwas verwundert zurück.

Und übrigens, ich liebe die Alte Nationalgalerie trotz ihrer (in meinen Augen) Mankos über alles. Schließlich ist sie eines meiner Kindheitsmuseen. Das allerdings heißt nicht, dass man Dinge nicht ändern könne über die Jahre. Ich vermisse noch kindgerechte Beschriftungen an ausgewählten Werken. Das sollte sich inzwischen auch durchgesetzt haben.



Fazit zur Ausstellung: Unbedingt empfehlenswert!
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Besucherservice vs. Bewachung in Museen

Mittwoch, Januar 21, 2015
Im vergangenen Sommer schrieb ich bereits schon einmal zum Thema Besucherservice im Museum, siehe hier. Da es gerade bei mir wegen Neuausschreibungen in allen Bereichen wieder hochkocht, möchte ich es noch mal ausführen.

Der Service in Museen ist mir ein großes Anliegen. Leider beobachte ich immer mehr, dass es (wieder) vermehrt in die andere Richtung läuft. Wachfirmen im klassischen Sinne nennen nun ihre Dienstleistungen auch "Service" - meinen allerdings etwas gänzlich anderes als ich. Wenn ich erkläre, um was es mir geht, merken wir bald, dass wir über grundverschiedene Dinge reden. Außerdem lege ich auch darauf Wert, dass ein guter Umgangston innerhalb der Firmen herrscht. Was nützt der beste Mitarbeiter, wenn er unmotiviert zur Arbeit kommt?

Nehmen wir ein Beispiel Beispiel meinen Besuch in der Alten Pinakothek München Ende letzten Jahres. Es ist ein Klassiker und zeigt, wie wichtig der Service, das speziell ausgewählte Personal und vor allem und immer wieder die Motivation der Mitarbeiter ist. Wenn jemand nicht gern in einem Museum arbeitet, sollte er es auch nicht machen müssen.

Ich hatte also vor einem Termin noch etwas Zeit und wollte mir endlich im Leben die Alte Pinakothek ansehen. Das System, wie es mit Ausstellungen, Sonderausstellungen, diversen Eintrittspreisen etc. funktioniert, ist mir gänzlich unbekannt. Ich ging also nichts ahnend zur Kasse und wollte zwei Tickets haben, wobei ein Ticket auf die ICOM Karte lief. Ich bat also darum und erhielt als Antwort: "Für was?" in gelangweilt bis genervtem Ton. Ich sagte, dass ich gern in die Ausstellung gehen wollte "Ja, was?". Meine Verwirrung stieg. Ich wurde genervt aufgeklärt, dass die Sonderausstellung extra koste. Ich bat also darum, dass ich auf die ICOM Karte alle Ausstellungen sehen wolle, die andere nur die Dauerausstellung, da ich länger bliebe. Im Ergebnis bekam ich zwei Karten für die Dauerausstellung - keine für die Sonderausstellung.
Es war keinerlei weiteres Publikum da, keine Schlangen, kein Extrastress. Kurz: für solcherlei Verhalten habe ich keinerlei Verständnis. Ich ging irritiert und weit weniger freudig in die Ausstellung, blieb allerdings auch nicht länger und löste nicht für die Sonderausstellung nach. Leider wird dieses Erlebnis immer mit der Pinakothek verbunden sein.

An dieser Episode zeigt sich, wie wichtig das "Gesicht des Hauses" und das sind die Mitarbeiter beim Eintritt, an den Garderoben, Ticketkontrolle und in der Ausstellung sind. Ich habe selbst in diesem Job gearbeitet und weiß, wie anstrengend er sein kann. Ich kenne also auch die andere Seite. Ich weiß, wie wichtig positive Resonanz von Seiten des Hauses und von den Gästen ist. Ich dulde allerdings auch keinerlei Launen während der Arbeit.

Nun also soll ich eine neue Firma für den Besucherservice auswählen. Im öffentlichen Dienst zählt allein der Preis und gerade hier bekomme ich Angst. Von den sich bisher bewerbenden Firmen wussten zwei von zehn, was ich unter Service verstehe. Es geht um Dienstleistung am Kunden, und das ist der Besucher des Hauses. Es geht um Beratung in Sachen Archive, Beantworten von inhaltlichen Fragen, Erläuterung des Bildungsangebotes und manchmal auch einfach nur ums Zuhören. Dass ich diese Dinge, obwohl sie im Leistungsverzeichnis aufgeführt sich (bis auf das Zuhören), extra erklären muss, macht mir Angst. Sehe ich andere Häuser an, erkenne ich, dass man immer weniger darauf achtet, einen guten Dienstleister als vielmehr einen günstigen Bewacher zu bekommen. Das ist der falsche Weg. Ich werde nicht die Einzige sein, die Häuser genau aus diesem Grund meidet. Es gibt einige der Art in Berlin.

Daher möchte ich nochmals und immer wieder für ein Umdenken plädieren.

Auch, wenn es tatsächlich um Bewachung von Museumsobjekten geht, sollte der Service nicht zu kurz kommen. Es gibt es immer wieder großartige Mitarbeiter, die durchaus in der Lage sind zu erfassen, was sie dort bewachen. Hören Sie auf, die Leute zu unterschätzen. Geben Sie ihnen ihre Stimme, lassen Sie sie mit den Gästen auch ein zwei Worte wechseln und hören Sie ihnen zu, was sie zu erzählen haben, was man ändern könnte, was gut gelungen ist, wo die Gäste besonders gern im Museum sind. Wir müssen keine großen Firmen bezahlen, um diese Dinge zu evaluieren, wir haben Menschen in den Ausstellungen, denen zu wenig zugetraut wird und die doch die Quelle für alle Antworten auf unsere Fragen sein können.

Ich weiß nicht, wie es bei mir enden wird. Ich habe in Bezug auf mein Personal klare Richtlinien und habe bisher hervorragende Mitarbeiter gehabt. Sie sind ein Segen für jedes Haus. Ich hoffe, auf eine gute Lösung. Zur Not wird auch eine klassische Wachfirma lernen, was Service bedeutet.

Nichts ist übrigens schöner, als im Gästebuch einen Eintrag mit einem Lob zur Freundlichkeit und der Kompetenz des Besucherservices zu haben. Glauben Sie mir. Diese Gäste erzählen es weiter und kommen auch wieder!

Ach und noch etwas, liebe Museen, bitte achtet doch darauf, dass die Museumsmitarbeiter nicht mit offenem Funk durchs Haus gehen - das stört den Museumsbesuch. Nicht umsonst gibt es Headsets. Da hört man auch besser, was gesagt wird. 

Daniel Friedman: "Der Alte, dem die Kugeln nichts anhaben konnten"

Dienstag, Januar 20, 2015
Ja, ich gebe zu, als im Buchladen meines Vertrauens (oder dem, in dem ich mich gerade befand) herumschmökerte, war es vor allem das Cover, das mich zum Kauf bewog. Aber dann war der Protagonist Buck Schatz ja auch irgendwie jüdisch und irgendwie...ja, ich immer...irgendwie. Also gekauft und durchgerauscht.

Es ist ein unterhaltsamer Krimi über einen 87jähren Ex-Cop, der herausfindet, dass ein Nazi, der ihn in der Gefangenschaft fast umbrachte doch noch lebt und mit einem Goldschatz den Weg in die Freiheit in den USA geschafft hatte. Auf die Suche nach dem Nazigold geht er mit seinem Enkel Tequila, der nicht unterschiedlicher sein könnte. 

Es ist keine ausgefeilte Handlung. Dennoch liest es sich schnell und durchaus vergnüglich. Persönlich liebe ich die Bücher, in denen Juden abseits der ewig deutschen Wahl von entweder schwer am Schicksal der Ahnen tragend oder in den Klamauk abgleitend daherkommen. In denen sie einfach Bürger sind mit den Absurditäten, wie sie ach Schatz trifft. So zum Beispiel eine Leiche, die fein säuberlich wie ein geschächtetes Tier aufbereitet wurde, die Gedanken des Pastors zu Schatz, als er seinen besten Freund beisetzt. Es ist amüsant und könnte doch einfach alles so einfach sein - wenn wir uns alle mal mit etwas Humor nehmen. 

Einen fachlichen Fehler gab es im Buch - ich vermute hier ein Übersetzungsproblem. Wie gesagt, ein durchaus vergnügliches Buch, das man empfehlen kann.


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Museumsbesuch: Kunstmuseum Ahrenshoop

Montag, Januar 19, 2015
Das Kunstmuseum Ahrenshoop Ein Jahr ist es nun her, dass ich das (weitere neue) Kunstmuseum Ahrenshoop besuchte. Mit reichlich Ausstellungsräumen, Galerien und Kunstmuseen (ja, es gibt mehrere), versucht der Ort noch irgendwie an die Geschichte der Künstlerkolonie, die er schon sehr lang nicht mehr ist, anzuknüpfen.

Vor einem Jahr, waren die architektonisch an die alten Häuser auf dem Darß erinnernden Gebäude noch nicht ganz fertig und doch fand man bereits eine Ausstellung zur Kunst in und aus Ahrenshoop. Es war eine schöne Ausstellung in durchaus großartigen Räumen. Ich war begeistert und freute mich über eine Bereicherung.
Dass das Museum sich danach kaum mehr mit dem Ort beschäftigen würde, wurde mir schon damals mitgeteilt. Nun, dafür gibt es auch die anderen Orte im Dorf.

Nun also wieder hin. Der inzwischen festgesetzte Eintritt von acht Euro ließ mich für diesen kleinen Ort schlucken. Bis sechs Jahren kommt man noch kostenlos rein, Schüler für drei Euro, andere Ermäßigungen vier Euro. Nun, wenn es das Museum hergibt, kann man das gern zahlen. Das Kunstmuseum Ahrenshoop befindet sich offiziell in gemeinnütziger Trägerschaft eines Vereins. Mich wundert allerdings die Gemeinnützigkeit. Betrachte ich andere Kunstvereine, die wirklich gemeinnützig arbeiten und diesen Status nicht erhalten.

Nun aber hinein. Zwei Ausstellungen hat das Museum derzeit zu bieten. Zum einen:

Signale der Unruhe. Eine deutsche Begegnung.
Deutsch-deutsche Kunstgeschichte in ungewöhnlichem Dialog.
Mit großen Namen und Bildern, die unter die Haut gehen.

zum anderen:

Rainer Fetting - Mauerstücke.


Ich will vor allem die erste Ausstellung betrachten: "Signale der Unruhe. Eine deutsche Begegnung.". In der Tat wartet sie mit großen Namen auf, u.a.: Gerhard Altenbourg, Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Wolfgang Mattheuer, Otto Niemeyer-Holstein, Alfred Partikel, Wolfgang Peuker, Willi Sitte und nach Suchen auch ein Werk einer Frau: Nuria Quevedo

Da hängen sie also, die großen Namen. Und dann? Nichts. Ich gehe durch die Räume, von Bild zu Bild und nichts passiert, absolut nichts. Eine Kälte strahlt aus, eine Beliebigkeit von zusammengehängten Namen - aber eben nicht Werken. Ein Gefühl für die Korrespondenz zwischen den Arbeiten: Null.

Ich lese nie, von wem welche Arbeit stammt. Wenn es von Bedeutung für mich ist, erkenne ich es. Ich erkenne, wie man eben Namen erkennt, auch hier, registriere und gehe weiter. Irgendetwas stimmt nicht in der Ausstellung. Und Ich lande immer wieder beim Wort Kälte. Kälte im Sinne von Herzlosigkeit. Ich kann es nicht anders ausdrücken, als dass es (auch ohne dass ich den Untertitel der Ausstellung bis eben kannte) nur um große Namen ging, die locken sollen und letztlich in der Art der Präsentation nicht gewinnen können.
Es rettet vielleicht noch das große Sintflut Bild von HAP Grieshaber - vielleicht aber auch mehr, weil es mich irgendwie an die Kindheitsgrafiken erinnert und es Spaß macht alles auf ihm zu entdecken. Einigermaßen verwirrt und enttäuscht gehe ich weiter zu Reiner Fettings "Mauerstücke". Hier wiederum erscheint der Raum zu klein für die großformatigen farbgewaltigen Werke, ich fühle mich erschlagen und muss schnell wieder raus. Vielleicht hätte man ihm das gesamte Haus widmen sollen, so dass die Arbeiten mehr Raum haben. Auch hier erschließt sich mir der Titel nicht ganz. Beide Ausstellungen sollen offensichtlich an den Mauerfall anspielen, Fettings Arbeiten aber spielen nur zum Teil damit.


Zum Museum selbst. Ich liebe den Bau noch immer. Es sind großartige Häuser. Allerdings verwirrt mich nun, dass nicht mehr die Rede davon ist, dass der Entwurf von Architekturstudenten stamme. Ganz stringent scheint man in der Legendenbildung des Museums nicht zu sein.
Ein Café gibt es inzwischen auch, sehr klein, aber ausreichend. Die Musik und Geräusche der Kaffeemaschine, die von den Mitarbeiterinnen laut plaudernd getestet wird aber, sind kontraproduktiv. Man sollte doch besser die Tür schließen, um nicht zu sehr in die anderen Räume zu schallen.

Das Haus nimmt - im Gegensatz zu den anderen im Dorf - nicht an Vergünstigungen (z.B. für Inhaber der Kurkarte) teil. Auch sonst kann ich mich inzwischen des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich eindeutig in Konkurrenz präsentiert, was ich sehr schade finde.

Alles in allem muss ich leider sagen, dass von meiner anfänglichen Begeisterung nichts geblieben ist. Es mag sein, dass es daran liegt, dass man mich nicht mit Namen locken kann, nur mit Qualität und dem Gefühl von Liebe zum Metier. Das ist eindeutig fehlgeschlagen. Würde ich das Museum empfehlen? Ich habe meine Zweifel. Eher würde ich Darßbesucher in die angestammten Häuser schicken, die auch gleichzeitig noch etwas Geschichte in sich tragen. Die Künstler mögen unbekannt sein, aber so gibt es wenigstens noch etwas zu entdecken und man kann sich sehr wohl fühlen. 
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Wohin, Europa? Weiter Richtung Freiheit

Sonntag, Januar 11, 2015
Heute, am 11. Januar lief ein Marsch von Millionen durch Paris, in vielen Städten Frankreichs und Europa sammelten sich die Menschen, um der Toten zu gedenken. Nicht nur jenen vier Karikaturisten, sondern alles 17 Menschen, die in so kurzer Zeit ihr Leben lassen mussten. Noch immer scheint die Welt im Schock - und doch erwacht nach und nach das, was zu befürchten stand.

Nur wenige Stunden nach den Anschlägen fand man die ersten Verschwörungstheorien in den sozialen Netzen. Man schien sich einig: der Mossad war es. Es ist nichts Neues. Ich fühlte mich, wie in vielem dieser Tage, an New York erinnert. Und hoffe doch so sehr, dass es keine Wiederholung geben wird.

Relativ kurz nach den Anschlägen zog ich nach New York. Die Stadt hatte ihren Rhythmus allmählich wiedergefunden. Die Menschen hetzten die Straßen entlang. Am Ground Zero noch die Lücke und neben dem Haus, in dem ich lebte, kleiner werdende Blumenberge für die umgekommenden Feuerwehrleute der dortigen Station. New York und die USA erlebten in den Tagen und Wochen nach den Anschlägen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie sie es womöglich nie für möglich gehalten hätten. Ressentiments spielten keine Rolle mehr. Es war egal, ob schwarz, weiß, Chinese, Jude...man war New Yorker, Amerikaner. Man war eins. Und zunächst auch, in den ersten Tagen wurden die Moslem noch verschont von Vorurteilen. Man war eins. Nicht lang.

Daran muss ich denken, wenn ich Europa jetzt beobachte. Ich muss daran denken, wie Politiker und jene, die es gern wären all das missbrauchen werden, um für sich zu argumentieren. Ich muss daran denken, dass es möglich ist, dass wir alle uns in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten, Jahren mit mehr Misstrauen betrachten - so, wie es in New York passierte, in den USA. Angst und immer wieder Angst.

Genau das darf nicht passieren. Genau dagegen müssen wir uns wehren und wir müssen - jetzt erst recht - ein Zeichen dagegen setzen. Nein, es ist nicht einfach. Und nein, mir fällt es auch nicht immer leicht. Dennoch wehre ich mich dagegen, Vorurteile aus Angst zu haben, die ich bisher nicht hatte. Ich lasse mir keine Angst vorschreiben.

Als deutscher Jude immer wieder zur Politik Israels befragt zu werden ist absurd. Genauso absurd aber ist es, als deutscher Moslem zu den Attentätern von Paris befragt zu werden. Was soll man denn antworten? Hat man mit ihnen in etwa genauso viel zu tun, wie mein Bürokollege mit dem Papst. All das impliziert, dass Islamismus gleich Islam sei. Ist je irgendein Christ in Deutschland zu Breivik befragt worden?

Kann man überhaupt Antworten für Wahnsinnstaten finden? Mir erscheint es eher als Zeichen der Hilflosigkeit. Man versucht Antworten zu finden....irgendwie, irgendwo und von irgendwem.

Bei allem, was wir Menschen tun, ob wir Religionen haben oder nicht, WIR allein treffen die Entscheidung über das, was wir tun. Mein Lehrer sagte damals, "G'tt hat uns ein Gehirn gegeben, ein Wunderwerk und er darf erwarten, dass wir es nutzen - zum Guten. Das allein erwartet er." Dieser Satz begleitet mich seit dem. Er begleitet mich, wenn ich an der Welt zweifle, an den Menschen, an mir. Wir allein sind die Entscheider, was wir aus der Welt machen. Wollen wir Frieden, so müssen wir im Kleinen anfangen und uns selbst hinterfragen, unsere Schubladen, die wir doch zum Wegsortieren der Welt so gern nutzen.

Es steht eine schwere Zeit an, in der Europa entscheiden muss, wohin es geht. Mit noch mehr Gesetzen, noch mehr Verboten in die Zukunft oder mit der Botschaft, Europa ist Freiheit und Europa lässt sich nicht bedrohen. Europa heißt auch Dinge ertragen müssen, die mir nicht gefallen aber auch das Recht zu haben, gegen sie auf die Straße zu gehen, Klagen bei Gericht einzureichen. Wir haben hier rechtliche Wege. Europa heißt aber nie, Menschen zu töten, weil sie nicht das tun, was mir gefällt. Wir dürfen es nicht zulassen, unser Misstrauen wachsen zu lassen. Gerade jetzt müssen wir das Gegenteil tun, um zu zeigen, dass sie, die Mörder unrecht hatten. Wir sind Menschen - alle. Und so wenig wir selbst in Schubladen gesteckt werden wollen, so dürfen wir es auch nicht im Kleinen tun.

Ich habe Angst vor den nächsten Wochen, aber auch ein wenig Hoffnung und möchte mit einem Satz eines Berliner Taxifahrers, mit dem ich das Vergnügen hatte, am Freitag ein paar Kilometer fahren zu dürfen, schließen: "Es kommt immer auf die Menschen an, nicht auf Religionen und Nationen. Menschen machen diese Welt."
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#JesuisCharlie - Gedanken zum Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris

Mittwoch, Januar 07, 2015

Ein paar Stunden ist es nun her, dass ich die Nachrichten aus Paris über Twitter bekam. Ein paar Stunden der Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit. Im Büro saß ich, weiß wie Kalk. Erzählte davon. Niemand hörte es, erst vorsichtig sackerte es in das Bewusstsein der Kollegen. Auch hier, Fassungslosigkeit. Mit Charlie Hebdo sind auch wir in gewisser Weise verbunden...doch das spielte bei dieser Tat keine Rolle.

Jetzt, vor allem nach dem Lesen des Artikels von Alexander Kissler im Cicero, beginne ich, meine Worte wiederzufinden, versuche sie zu ordnen und niederzuschreiben.

Was ist es, was mich so gelähmt hat, nach den Nachrichten vom Anschlag? War es die Nachricht, dass wieder ein Anschlag in Europa gelungen ist? Dass es mich nur deshalb so bewegt? Spätestens morgen früh werden die ersten Nachrichten dazu kommen, dass "Europa nur deshalb geschockt sei, weil es in den eigenen Reihen passierte". Ist es das wirklich? Ich kann für mich sagen: nein. Das ist es nicht. Ich bin kein Käufer von Satiremagazinen. Ich amüsiere mich herrlich über Die Partei, liebe den Postillion und mache ganz jüdisch reichlich Witze über meine eigene Religion und bin auch nicht beleidigt, wenn es andere tun. Ich kann über mich selbst lachen. Ich weiß woran ich glaube, und woran nicht. Ich bin nicht in Freiheit aufgewachsen und weiß sie daher um so viel mehr zu schätzen. Ich weiß, was Pressefreiheit bedeutet, was sie wert ist. Mit Sorge sehe ich die Entwicklungen der letzten Zeit, die immer mehr zunehmenden Drohungen gegen Journalisten, aber auch die Einsparungen, so dass kaum mehr wirkliche Recherche möglich ist.

Meine Kindheit war eine zwischen den Zeilen. Hätte es den Humor, die Satire nicht gegeben, wenn auch unter der Hand, wären wir verrückt geworden. Sie gaben dem Ausdruck, was nicht gesagt werden durfte. In der Welt, in der ich nun über zwei Drittel meines Lebens lebe, war es immer möglich, alles zu sagen, was man dachte - und war es noch so dumm. Nie hat ein noch dümmerer Funktionär darüber entschieden, ob etwas veröffentlicht werden durfte im Namen des Staates oder nicht.

Heute nun, an diesem grauen Tag, stürmten Männer das Büro der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und erschossen 12 Menschen, fünf verletzten sie schwer. Alles im Namen Allahs, wie sie meinen. Menschenleben, Kreativität, Talent, Geist und Witz wurden getötet und damit den Rechten noch mehr Futter für ihren irrsinnigen Hass auf Moslems gegeben.

Ich kann und will nicht in einer Welt leben, in der Religion genutzt wird, um Mord zu rechtfertigen. Religion ist dazu da, Mord und Unrecht zu verhindern, Menschen Ziele und Regeln zu geben für ein friedliches Miteinander. Ja, ich glaube daran. Ja, ich mag naiv sein. So aber bin ich aufgewachsen. Es ist mir egal, was mein Gegenüber glaubt, es ist mir egal, woher er kommt, es ist mir egal, wie sie aussieht. Alles, was für mich zählt ist, dass er/sie/es ein guter Mensch ist. Doch immer mehr fühle ich mich nicht mehr im Fortschritt, in einer Weiterentwicklung der Gesellschaft, sondern mehr und mehr im Rückschritt. Erst heute morgen, noch bevor das alles passierte, sprach ich darüber, was los ist mit dieser Welt, was hier gerade passiert, dass unsere Freiheit immer mehr eingeschränkt ist, dass wir mehr und mehr in einer Gesellschaft der Angst leben, vor der ich doch eigentlich mit meinem Rückzug aus den USA nach Europa floh. Wo ist das Miteinander geblieben? Die Akzeptanz? Toleranz? Man muss nicht immer einer Meinung sein. Mich persönlich nervt auch vieles, was in puncto Juden verfasst wird. Aber so what?

Habe ich Angst? Nein. Alles, was das heute auslöste war ein "Jetzt erst recht". Ich werde meine Freiheit nicht hergeben. Mich widert auch der (deutsche?) vorauseilende Gehorsam an. Ich wuchs in einem Staat der Unfreiheit aufgewachsen. Ich will nie wieder in einem leben. Ich lasse es nicht zu, in wessen Namen auch immer.

12 Leben wurden ausgelöscht. Wofür? Für nichts. Für Schmerz und noch mehr Hass. Auch das lasse ich nicht zu. Man wird mich nie dazu bekommen, eine Religion an sich zu hassen. Man wird mich nie dazu bekommen, mich Vorurteilen anzuschließen. Ich, der gegenüber so oft so viele Vorurteile geäußert werden, werde mich nicht auf diese Ebene begeben. Die Menschen, die diese Morde heute verübten aber - sie hasse ich. Ich hasse sie dafür, dass sie Leid über Menschen, über eine Stadt, ein Land, Europa und die Welt brachten. Dafür hasse ich sie - und von einem bin ich überzeugt, G'tt sieht das ähnlich - so er noch zusieht.


Erstjanuarnotizen

Freitag, Januar 02, 2015
Schreiben. Viel mehr schreiben. Vielleicht besser per Hand und später entscheiden, ob und wo und wie digitalisieren. Alle Gedanken einfangen.
Manchmal aber müssen Worte nur in Tinte fließen, um zu helfen, um geschaffen worden zu sein. Unausweichlich auf Papier.

Draußen noch immer die Nachwehen der Neujahrsnacht. Klänge wie Krieg, die doch Freude verheißen sollen. Ich werde es nie verstehen.
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Das doppelte #Tweetup im Museum für Kommunikation Berlin

Samstag, Dezember 20, 2014
Im November 2014 ging es zum Tweetup in Museum für Kommunikation in Berlin. Dieses Mal ging es auf eine Reise "In 80 Dinge um die Welt - Der Jules Verne Code". Aber zunächst wurden die Roboter im Eingangsbereich begrüßt. Gut dieser Kollege hier hatte gerade Pause.

Tom, der uns durch die Ausstellung führte, war mehr Entertainer und es gelang im in der Tat, uns Twitterbande, die man ja nun zwangsläufig schlecht beisammen halten kann, bei der Stange zu halten - im Übrigen noch mal Kompliment. Toller Mann!

Er führte uns nun also in die Welt des Jules Verne, zum Globus, zum Schreibset. Führte uns ein in eine Welt, in der das Reisen noch nicht so selbstverständlich, als es noch Abenteuer war. Diese Welt, in der die Briefmarken Menschen reisen ließen in exotische Länder, die sie nie leibhaftig sehen konnten. Ich erinnerte mich an meine Briefmarkensammlung als Kind und die heimlich geschmuggelten Marken aus Australien...So lang ist das eigentlich alles noch nicht her. Ein Stück, gleich am Anfang der Ausstellung, das man womöglich schnell übersieht ist ein Tisch, auf dem eine Art Verzierung angebracht war. Irgendwas zwischen Zierdecke und Intarsie...beim genauen Hinsehen entpuppte es sich als Arbeit aus 10.000 Briefmarken.

Von da ab ging die Reise los, durch Amerika, Afrika, Asien, mit Elefanten, Heißluftballons und schiffen. Eine wundersame Reise, in der es viel zu entdecken gibt. Auch für Museumsspielzeugliebhaber wie mich gab es mit dem Abstempeln des "Reisepasses" an den verschiedenen Stationen und zum Ende die körpergesteuerte Weltkarte genug zu entdecken. Eine Ausstellung, die im wahrsten Sinne für die ganze Familie ist. Noch bis zum 22. Februar hat das Museum 80 Tickets in der Stadt versteckt, wie man sie findet und was es noch gibt, steht hier.




Der zweite Teil

Jetzt nun im Dezember ging es auf eine weitere Reise im Museum für Kommunikation. Dieses Mal aber an anderer Stelle. Wir durften dahin, wo sonst nur wenige hinkommen: ins Depot! In der Ringbahnstraße in Berlin steht nun dieses Wunderhaus, das jeden Museumsliebhaber das Herz höher schlagen lässt. Wir lernen, dass sich die Depots auf Deutschland verteilen, dass das Berliner Depot "nur" für alles, was mit der "Gelben Post" - die doch eigentlich mal blau war zuständig ist, dass hier auch inzwischen die Objekte des geschlossenen Postmuseums Hamburg lagern und das geschulte Auge sieht bald: sehr viel Platz gibt es hier auch nicht mehr.

Was hier links so unscheinbar aussieht (der Museumsmensch wird allerdings ganz hibbelig), beinhaltet etwas ganz Besonderes, das allerdings nicht nur für den Historiker im Archiv zugänglich ist. Die einzigartige Sammlung von Alltagspost ist zum Teil auch im Internet verfügbar und gewährt so einen Einblick in Feldpostbriefe oder auch etwas aktueller in die Ost-West-Post. Einen Einblick kann man hier gewinnen.

Weiter geht es in die gut gesicherten großen Depoträume. Zwischendurch noch etwas Brandschutzkunde durch Dr. Didczuneit, Der Sammlungsleiter baute das relativ neue Depot mit auf. Das Gebäude wurde ausschließlich zu diesem Zwecke umgebaut. Viele Museen können davon nur träumen.

Apropos "gelbe Post" spätestens jetzt wird es klar, ein großer Depotraum mit Postkästen aller Sorten. Gelb aber ist dominierend, dazwischen noch ein paar blaue, denn blau war die eigentliche Farbe der Post....vom Prunk ist nicht mehr viel zu sehen, ein paar Schilder zeugen noch vom einstigen Stolz. Manch einer kennt sie auch noch, die beeindruckenden Postämter. Und jetzt? Wir schweigen lieber darüber und schwelgen in Postkästen.

Wir lernen etwas über Postsäcke vz. Postbeutel, wozu Posthörner dienlich waren, dass es Uniformen für Postbeamte nicht von Beginn an gab - aber auch von den simplem Problemen eines Museums, das sich so aufwändige Modelle wie aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr leisten kann, das abwägen muss, ob es ein Objekt wirklich restaurieren kann und das schon mal 20.000 Euro für einen Depotschrank ausgeben muss, um darin eine Postfahne konservatorisch richtig zu lagern.

Es scheint ein offenes Depot zu sein. Offen in dem Sinne, als das es z.B. zum Tag des Offenen Denkmals Depotführungen gibt, zu denen man sich anmelden kann und so auch die andere Seite des Museumslebens zu sehen. Denn Museumsaufgabe ist mehr, als nur Ausstellung machen. Uns obliegt auch das Sammeln, das Gedächtnis zu erhalten und eben darüber zu erzählen, Erinnerungen wachzurufen und Neues lernen zu lassen.

Danke für den Besuch und die Reise in die Sammlung!

Museologenhumor im Strandkorb?
Für große Fahrzeuge aller Art mussten Modelle hergestellt werden, allerdings geht es nicht mehr so detaillgenau wie bei diesem Postzug.

Kleine Fahrzeuge können auch im Original gelagert werden.

Stempel können auch Geschichte zeigen. Hier eine kleine Auswahl.










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Ein Winter in Deutschland, der zweite Tag Hanukka

Mittwoch, Dezember 17, 2014
Es ist der zweite Tag Hanukka.

Ich sitze nur beim Schein der Kerzen. Diese kurze Pause an den Tagen von Hanukka an denen die Kerzen brennen, diese Stunde, mehr ist es nicht. Eine Stunde scheint die Welt still zu stehen.

Für mich war es immer Ruhe, dieses Jahr besonders. Dieses Leuchten im Fenster, manchmal ein Flackern. Ruhe und irgendwie auch ein kleines Stück Gewissheit, dass wir das jetzt hier auch überstehen.
Das hier heißt AfD, heißt Pegida, heißt wie auch immer. Eines hat dieses "das hier" gemein: es ist widerwärtig und macht Angst. Andere Angst als im Sommer. Es macht Angst, weil es so sehr zeigt, wie wenig die Menschen selbst denken. Es zeigt so sehr, wie schnell sie sich beeinflussen lassen durch dumme Reden, einfache Antworten die keine sind, sich mit YouTube Videos ohne Reflektion berieseln lassen und zu allem eine Meinung haben, wenn auch wenig Ahnung. Irgendwie erinnert mich das an die Rekrutierung der selbsternannte Gotteskrieger? Parallelen, Parallelen.

Und immer mehr und immer radikaler höre ich in den letzten Wochen und Monaten, dass Religion an all dem Schuld sei. Und frage jedes Mal, ob man es sich da nicht zu einfach macht. Aber einfache Antworten sind dieser Tage ja beliebt. Bilder würden über Text siegen, sie sind leichter konsumierbar, hieß es jüngst in einer Studie. In Berlin Brandenburg wird der Geschichtsunterricht abgeschafft und zusammen mit Erdkunde und Sozialkunde zu "Gesellschaftskunde" vermengt, die Geschichtslehrer laufen Sturm und später wird man sich an den weiterbildenden Institutionen wieder wundern, warum niemand mehr etwas weiß, von Geschichte, wird sich wundern, warum nicht mehr gelesen wird, warum dieses und jenes...
Hauptsache, die Videos laufen noch, in denen einem erklärt wird, dass der Nachbar aus Timbuktu einem nach dem Leben trachte. Die Medien, allen voran die Öffentlich Rechtlichen hingegen, werden als Gehirnwäscher verunglimpft und man kann nur noch fragen, was hier eigentlich los ist.

Und dann sitze ich hier, im Schein der Kerzen und versuche etwas Abstand vor der Dummheit zu gewinnen. Versuche an diesen kleinen Sieg, die Rückeroberung des Tempels, die unsägliche Geschichte vom Ölwunder (ja auch wir haben seltsame Geschichten) zu denken. So viele Siege hatten Juden nicht man muss sie feiern. Auch das werden wir jetzt hier überstehen. Nicht nur wir Juden, alle Menschen. Menschen, die nicht stumm mitlaufen, sondern sagen, dass hier etwas ganz gewaltig schief läuft. Die aufstehen und HALT rufen. Wir werden auch das überstehen, wie wir alles überstanden haben. Nur könnte das Leben schöner sein, für alle, wenn wir uns einfach mehr umeinander kümmerten. Wenn es endlich keine Rolle mehr spielt, woher man kommt, ob man Akzent oder Dialekt spricht. Wenn wir uns endlich nehmen als das, was wir sind: Menschen. Warum müssen wir unsere Leben zerstören? Warum darf man das Leben nicht einfach gut und schön machen, für jeden?

Und so sitze ich bei meinen Kerzen. Ruhe legt sich über mich und ich empfinde so etwas wie Glück. Es wird vorüber gehen. Aber wir müssen etwas dafür tun. Wir dürfen Dinge nicht wiederholen lassen und wir dürfen vor allem endlich mal aufhören, überrascht zu sein, dass es nicht nur die am unteren Ende der Einkommenskala sind, die da auf die Straße gehen. Nehmt Eure Scheuklappen ab und seht dem Irrsinn endlich ins Gesicht. Er ist hier - mitten in der Gesellschaft und er schaukelt sich immer mehr hoch. Schneidet die Seile durch und lasst die Schaukel abstürzen. So ein Fall hat schon so manchen zur Besinnung gebracht.
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Gedanken zu Flüchtlingen und Flucht.

Mittwoch, Dezember 03, 2014
Eine der häufigsten Fragen, die ich damals im Jüdischen Museum gefragt wurde war, warum denn die Juden nicht einfach geflohen seien. Hmm, einfach? Nein, es ist nicht einfach, es war nicht einfach und ist es bis heute nicht. Damals wie heute sind die Voraussetzungen so hoch, dass man es sich (damals) nur leisten konnte, wenn man Vermögen besaß, Verwandte, die für einen bürgten, man keine Krankheiten hatte, nur bestimmte Berufe ausübte...und immer wieder wieder: Geld!

Und heute? Wir leben in einem Land, dass damals die, die nicht mehr fliehen konnte umbrachte. Wir leben in einem Land, dass seine Landsleute, als sie zu Flüchtlingen wurden verabscheute, diskriminierte - heute würde man vom Mobben sprechen. Wir leben in einem Land, in dem Flucht und Vertreibung keine Unbekannte ist. Ein Land, das es selbst auslöste. Ein Land, das sogar ein Museum dazu errichtet - haben wir gelernt? Wenn ich die Diskussionen verfolge: NEIN. Wir haben nichts gelernt. Absolut nichts. Es gibt weiter keine Empathie. Hauptsache das eigene kleine Wasauchimmer ist sicher. Fremde könnten es ja schädigen. Haben sie das je? Leben wir nicht auch in einem Land, einer Region, die nur durch die Wanderungen Europas existierte? Haben wir auch die wirtschaftlichen Wanderungen vergessen? Es wäre eine Chance, all das Unrecht wenigstens heute gut zu machen. Nicht nur in Deutschland.

Ich weiß nicht, woher das Bild kommt, dass man sich so einfach dazu aufrafft, seine Heimat zu verlassen. Wer, um Himmels willen kommt auf solche Ideen? Kennen wir nicht auch aus der eigenen Geschichte die Berichte von Menschen, die ausharrten und dann zu spät waren. Die Liebe zur Heimat zum Zuhause mit dem Leben zahlten. Oder schauen wir doch einfach heute, nur in diesem Land. Menschen nehmen Arbeitslosigkeit und Armut eher in Kauf, als in ein anderes Bundesland zu gehen, um dort Arbeit zu finden. Hier geht es nicht darum, in eine andere Welt, ein anderes Land zu gehen, es geht um eine Reise über ein paar Kilometer. Kein Vergleich zu dem, was Flüchtlinge aus Syrien oder Afrika auf sich nehmen. Sie reisen nicht komfortabel mit Auto oder Bahn. Sie nehme unglaubliche Odysseen auf sich, riskieren ihr Leben, um ihr Leben zu retten. Um irgendwo leben zu dürfen, einfach nur leben und nicht sterben.
Sie verlassen ihre Heimat, ihre Familie, ihr Leben. Ihre Berufe, ohne Chancen im Exil zu haben. Es geht um das nackte Überleben. Dass das hier in Abrede gestellt wird, beschämt mich. Ja, wir müssen alle anpacken. Es geht nicht nur darum irgendwelche ideologischen Dinge zu verkünden. Menschenwürdige Unterbringung ist nur ein Anfang. Wir müssen fördern, den Kindern ein Leben geben. Kindergarten, Schule, Sprache für die die Familien, damit sie hier etwas heimisch werden können. Man weiß nicht, ob sie zurück gehen können. Die meisten aber, so bin ich mir sicher, würden alles tun, um wieder in die Heimat zu kommen, wenn es dort ein Leben gäbe. Vielleicht lohnt es doch, einen einfachen Klassiker der Literatur zu lesen, um ein Gefühl für das "Exil", was immer so positiv, luxuriös gesehen wird, zu bekommen. Ich empfehle immer wieder gern Lion Feuchtwangers "Exil".

Und persönlich? Hätte sich meine Großmutter nicht geweigert, zu fliehen als sie noch konnte, hätte sie nicht darauf bestanden bei den Eltern zu bleiben, wir lebten heute nicht hier. Ob es mich gegeben hätte? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es ihr besser gegangen wäre. Sie hatte Glück, sie überlebte. Es hätte auch anders kommen können. 

Uns geht es gut in Deutschland. Wir können und konnten nur eines nie: Teilen. Es wird Zeit, das zu ändern und Zeichen zu setzen. Niemand flüchtet je, ohne Grund. Niemand bricht sein Leben ab, ohne Grund. Niemand riskiert aus Abenteuerlust sein Leben, um in ein anderes Land zu kommen. Nur scheinen das noch zu viele Menschen in diesem Land zu denken.